Es war schön, am Tag der Abfahrt nochmal in den Tag zu bummeln und nicht wie so oft, ohne Frühstück morgen um sechs Uhr aus dem Hafen zu brausen.
Ausschlafen, gemütlich frühstücken, das Boot aufräumen und unter Deck seeklar machen - alles geschieht in Ruhe. Seeklar machen heißt, zu schauen, ob auch alle Schlösser der Schranktüren und Schubfächer verriegelt sind, damit sie sich im Seegang nicht nicht öffnen und der Inhalt quer durchs Boot schießt. Es heißt aber auch, alle losen Dinge gut zu verstauen. Dabei lohnt es sich zu beachten, auf welcher Seite (backbord oder steuerbord) das Boot beim Segeln liegen wird. Diese Seite des Bootes ist dann "unten" und dahin kommt alles, was sich im Seegang gerne von alleine durch die Gegend schiebt - Decken, Kissen, Schuhe, Netzteile, usw.. Nach manch windstarker Fahrt sah es unter Deck schon recht wüst aus.
Wir haben nach dem letzten Wetterbericht Startzeit 13 Uhr; erst muss sich ein Feld mit Starkwind und Böen in Sturmstärke weiter in das Skagerrak bewegen, damit wir hinter ihm hersegeln können. Dabei bleiben uns am Anfang immer noch Windstärken von 18 Knoten, in Böen bis 30 Knoten (Windstärke 5 bis 7 Beaufort). Da uns dieser direkt von hinten erwischt (achterlicher Wind), sind auch die 30er Böen nicht schlimm. Ari braucht bei ihrem Gewicht ordentlich "Schub", da man bei achterlichem Wind auch nur das Großsegel setzen kann - das Vorsegel bekommt keinen Wind mehr ab.
Und so sieht das in der Wetter-App Windy aus:
Wir starten in Mandal (rotes Kreuz links oben), segeln um die Nordspitze Dänemarks herum ins Kattegat und dann weiter gen Süden zur Insel Læsø - immer schön hinter dem zu kräftigen Windfeld bleiben, bis sich dieses am frühen Abend vor der schwedischen Küste auflöst. Eine Reiseroute von rund 140 Seemeilen mit einer Dauer von rund 24 Stunden - wenn das Wetter auch so kommt.
Dreizehn Uhr - wir sind startklar, das Boot ist startklar, also los. Wir legen ab, verlassen Mandal und fahren an den vorgelagerten Inseln vorbei hinaus auf die freie See.
Es ist sehr gut, dass sich die Sonne noch hinter den Wolken versteckt. Da sie bis in die Nachtstunden schein (Sonnenuntergang ist 22:38 Uhr), hätte sie uns bei voller Kraft im Cockpit gebraten. Da die Wolken keinen Regen mitbringen sollen, ist das Wetter also ideal.
Draußen, auf dem freien Wasser, haben wir einen ziemlich konstanten Wind von 14-16 Knoten. Ein bisschen weniger als angesagt, aber noch ausreichend. Ari erreicht eine Geschwindigkeit von 7 Knoten. Das ist sehr gut - als durchschnittliche Reisegeschwindigkeit rechnen wir immer mit 6 Knoten. Wer braucht da noch Böen bis 30 Knoten? Auf die verzichten wir sehr gern und genießen die konstanten Bedingungen.
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| Alles passt, der Start sieht schon mal gut aus |
Nach drei Stunden, gegen 16 Uhr, verringert sich unsere Geschwindigkeit langsam aber stetig. Wir haben mal wieder Strömung gegenan. Da es an Land gerade "ablaufendes Wasser" gibt - also nach dem Hochwasser die Ebbe im Gange ist - reicht uns das als Erklärung. Gegen 18 Uhr ist das Wasser dann am niedrigsten, steigt ab da wieder langsam an und wir sollten Strömung mit uns haben. So unsere ganze Theorie - wir sind Ostsee-Segler, wir müssen das eigentlich nie beachten. Aber unsere Theorie geht nicht auf. Ganze 8 Stunden werden wir mit Gegenstrom segeln. Dieser baute sich noch bis zu einer Stärke von 1,5 Knoten auf. Hinzu kam, dass der Wind, welcher schon von Anfang an schwächer ausfiel, unter den Erwartungen blieb. Zwischenzeitlich dümpelten wir mit nur noch 4,5 Knoten Geschwindigkeit über Grund voran. Bei einer Gesamtstrecke von 140 Seemeilen ist eine Fahrtgeschwindigkeit von 4 Seemeilen pro Stunde einfach zu wenig. Dafür bekamen wir - ebenfalls von achtern - aber eine Wellenhöhe, die der eigentlich erwarteten Windstärke entsprach. Sie war also mit gut einem Meter für den aktuellen Wind zu hoch. Ari eierte um alle Achsen und wir schaukelten kräftig mit. Aber was sollten wir machen? Wir befanden uns mitten auf dem Skagerrak und mussten da jetzt durch. Boah, laaangweilg ...
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| Man bekommt es einfach nicht hin, die Wellenhöhe auf Fotos einzufangen |
Hier noch ein Beispiel, worauf man unterwegs auf See zu achten hat. Auch auf dem Skagerrak gibt es zur Regelung der vielen Frachter, Tanker, Großfähren und anderen Großschifffahrt an neuralgischen Punkten Verkehrstrennungsgebiete (VTG). Hier haben sich die Schiffe entsprechend ihrer Fahrtrichtung einzusortieren - ähnlich dem Fahren auf einer Autobahn. Wir, die Kleinen, sollten uns da möglichst von fernhalten. Ähnlich einem Fußgänger sollten diese Gebiete nur im 90 Grad-Winkel gekreuzt werden. Wenn wir die VTG auch benutzen, sollten wir uns ganz am Rand bewegen.
Wie man sieht, halten wir uns davon gerne frei und umfahren die VTG , um den dicken Pötten nicht im Weg zu sein.
Gegen Abend schickt mich Harry in die Koje - vorschlafen. Er ist fit und immer derjenige von uns, der nachts besser wachbleiben kann. Ich übernehme dann meistens die "Hundewache" ab 2 oder 4 Uhr, da ich eher der Frühaufsteher von uns beiden bin. Zum Schlafen legen wir uns richtig in die Koje im Vorschiff. Wir sind dabei noch halb angezogen, um notfalls schnell dem anderen zur Seite springen zu können.
Wie schon erwähnt, löste sich der Gegenstrom gegen 23 Uhr auf und Ari fuhr mit 7-8 Knoten Geschwindigkeit Richtung der Nordspitze Dänemarks. Da die Sonne erst gegen 22:30 Uhr untergehen wird, bleibt es lange hell. Der Himmel gibt sich alle Mühe, um Harry gut zu unterhalten:
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| Kurz nach 22 Uhr |
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| Ein Uhr nachts - dieser helle Streifen zieht sich nach dem Sonnenuntergang über Norden, bis die Sonne im Nordosten wieder über den Horizont schaut. |
Vier Uhr und ich wechsle, ziemlich wach, einen völlig geschafften Harry vom Steuer ab. Mir bleibt nun die Umrundung der Landspitze, das Überfahren einer weiteren VTG-Zufahrt und dann die Fahrt bis zum Ziel. als ich nördlich der Landspitze direkt neben dem VTG fahre, kommen wir den Großen mit nur einer halben Seemeile Abstand schon recht nah:
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| Hier ist die Wellehöhe (1,50 m) wenigstens mal zu erahnen |
Später, wir befinden uns nun im Kattegat, traue ich meinen Augen kaum.
Mittendrin, zwischen Dänemark und Schweden, fahre ich plötzlich auf einen kleinen Wald aus Fischerfähnchen zu. HIER hätte ich damit nun wirklich nicht gerechnet. Der Blick auf die Karte erklärt das recht schnell. Die Ostsee (hurra, zu Hause) ist hier rund 25 m tief. Die Fähnchen reihen sich um ein Flach von nur 10m Tiefe. Da scheint sich das Legen von Reusen anscheinend zu lohnen. Nach 30 Minuten war der Spuk vorbei und wir hatten wieder freies Wasser um uns herum.
Der Wind weht auch hier nicht so stark wie angesagt (18 - 25 Knoten), sondern lässt Ari bei 13-15 Knoten Wind von der Seite mit 7-8 Knoten Geschwindigkeit regelrecht rennen. Segelspaß pur.
Zwanzig Seemeilen vor dem Ziel, der Insel Læsø, sieht es an mehreren Stellen des Horizontes sehr dunkel aus. Direkt voraus, über Læsø, geht gerade ein dicker Regenschauer nieder. Weitere lauern, von Dänemark kommend, auf ihre Chance, uns noch zu treffen.
Da ich Harry sowieso noch ein wenig schlafen lassen wollte, verkleinere ich die Segelfläche, um mit weniger Bootsgeschwindigkeit mehr Schlaf für Harry und weniger Regenguss für mich zu erreichen.
Mit jedem über das Kattegat ziehenden Schauerfeld kommt stark böiger Wind mit, der Ari wieder gut Schub gibt. Also bin ich eine ganze Weile mit "Bremsen" beschäftigt.
Nach dem Durchzug der Regenschauer zeigt sich der Himmel mit interessanten Wolkenbildern:
10 Seemeilen vor dem Ziel wird Harry wach und erscheint recht gut erholt und grinsend im Cockpit ... "sind wir bald da?".
Akribisch beobachte ich am Plotter die AIS-Signale der Boote, welche sich in der Nähe unseres Zielhafens bewegen. Østerby, der Hafen im Osten der Insel Læsø, ist ein sehr beliebtes Ziel. Dänemark und Schweden sind nicht weit weg und die Insel ist ein günstiges Sprungbrett für Fahrten durch das Kattegat. Es ist später Vormittag und noch sehe ich nur Boote, die herauskommen, keines fuhr bisher hinein. Trotzdem überlegen wir schon, wohin mit uns und dem Boot, sollte der Hafen übervoll sein. Wenn man sich das Satellitenfoto des Hafens auf GoogleMaps ansieht, kann man es mit der Angst zu tun bekommen:
Die Boote liegen hier schon im "Päckchen", also nebeneinander, weil nicht mehr alle an den Steg passen. Aber irgendwann ist auch die Anzahl der Boote in den Päckchen zu groß. Für uns eine Horrorvorstellung 😉 Das muss ein Foto aus dem Hochsommer sein.
| Ein Basstölpel begrüßt uns kurz vor dem Hafen mit einem eleganten Vorbeiflug |
Halb zwölf sind wir vor dem Hafen angekommen, starten den Motor und bergen die Segel. Immer wieder geht der Blick auf die Masten hinter der Kaimauer. Wo kein Mast zu sehen ist, könnte eine Lücke sein - oder ein Motorboot liegen. Während der Anfahrt machen wir schnell das Boot klar zum Anlegen (Leinen vorbereiten, Fender an die Bordwand hängen). Wir kommen in das Hafenbecken für die Freizeitboote und sehen - sofort viele freie Liegeplätze an den Stegen. Breit grinsend legt Harry das Boot an den ersten Steg zwischen ein sehr großes Motorboot und einer deutschen Segelyacht. Ich springe raus und mache die ersten Leinen fest. Was für eine Freude - wir sind nach etwas mehr als 22 Stunden und knapp 150 Seemeilen im Zielhafen angekommen und haben ohne viel Aufwand festmachen können. Die norwegischen Trolle haben uns wohl endlich freigelassen.
Wir räumen das Deck auf, bezahlen gleich für die nächsten zwei Nächte Hafengeld, ziehen unter Deck die Segelsachen aus und schnaufen erstmal durch. Wir schnaufen intensiv durch ... nach einem schönen Frühstück legen wir uns nochmal hin und holen die letzten zwei Stunden Schaf nach. Nach unserer Auszeit zog langsam der Himmel auf. Zeit für einen ersten Spaziergang.
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| Blick rüber zum Fischereihafen |
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| Im Fischereihafen |
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| Ein e-Bike .... was für ein e-Bike 😍 |
Hier werden wir uns eine schöne ruhige Auszeit gönnen. Wir bleiben sicher bis über das Wochenende, wollen die Insel erkunden, lecker essen gehen und die Zeit ein wenig ruhiger laufen lassen.
Damit wir uns das alles hier in Ruhe gönnen können, haben wir unseren Plan für die Rückfahrt geändert. Mitte der kommenden Woche fahren wir rüber nach Schweden. Von dort werde ich in einer zwölfstündigen Busfahrt (mit "Flixbus") am Freitag, 5.20 Uhr, nach Berlin fahren. Harry bringt dann Ari und sich in aller Ruhe in den Heimathafen. Dann kann er fahren, wann das Wetter es zulässt und ich habe keine Angst mehr, am 04. Juli nicht pünktlich zur Arbeit zu erscheinen.





















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