Montag, 20. Juni 2022

18. Juni 2022 Von HAUGESUND nach EGERSUND

 Lange hatten wir am Vorabend die Wettervorhersage studiert und die Abfahrt geplant. Sehr früh sollte es nicht mehr losgehen. Der "richtige Wind" kam erst am späten Vormittag auf, dafür stand aber noch eine ordentliche Welle vor der Küste, die von einem Sturm etwas nördlich von Bergen verursacht wurde. 
Also - früh ins Bett und nochmal lange geschlafen, damit wir die Fahrt über Tag und die Nacht gut durchhalten. So unser Plan. Unserer, nicht der des Partyvolks von Haugesund. Am späten Abend dröhnte laute Musik vom Parkplatz oberhalb des Hafens herunter - anscheinend aus den Autos heraus. Erst wurden nur einzelne Sequenzen lauter gedreht und mitgesungen (das war noch lustig), später dröhnte der Bass im ganzen Hafen und die Lautstärke war nicht mehr zu ignorieren. So ging das bis in die frühen Morgenstunden - viel Schlaf haben wir dabei leider nicht bekommen.

Der Wecker riss uns 6 Uhr aus der Koje. Noch ziemlich zerknautscht machten wir uns und das Boot fertig und legten kurz vor dreiviertelsechs bei Sonnenschein ab. Da wir zwei Stunden Fahrt unter Motor (den Haugesund herunter) vor uns hatten, verlegten wir das Frühstück mal wieder auf diesen Teil der Strecke. 


Aufkommende Regenwolken sorgen für eine schöne Lichtstimmung

Als wir aus der Abdeckung des Sundes herauskamen...



... setzten wir die Segel und mussten doch noch ein wenig auf den aufkommenden Wind warten. Ari bummelte mit 4 ktn durch die schon recht hohe Dünung. OK, ein deutliches Signal, um  unsere Reisetabletten ein erstes Mal zu nehmen. Wir sind beide nicht 100%ig seefest und haben die stinknormalen Reisetabletten für uns als profanes Mittel gegen die Seekrankheit entdeckt. Der Westwind hat sich noch nicht auf eine genaue Geschwindigkeit festlegen können. Ein durchziehender Regenschauer bringt erst gute 13 Knoten Wind mit, als er durch ist, flaut der Wind wieder ab. Gegen 11 Uhr ist dann der Wind endgültig da und weht kräftig mit 14 Knoten. Wir könnten jetzt richtig schnell sein, wäre da nicht wieder eine Gegenströmung mit bis zu 2 Knoten. Schade. So fahren wir zwar mit gut acht Knoten durchs Wasser, kommen aber nur mit gut sechs Knoten über Grund voran. Kurz nach dem Segelsetzen löse ich Harry am Steuer ab. Er ist immer noch matt und fühlt sich abgeschlagen. Eine Mischung aus Müdigkeit, Erschöpfung und Seekrankheit zwingt ihn auf die Matte. Erst im Cockpit, später unter Deck.



Zum Glück ging es mir deutlich besser, so beschlossen wir, zwar weiterzufahren, aber doch auf halber Strecke in Egersund in den Hafen zu gehen. Ausschlafen, ausruhen, zu Kräften kommen.

Der Wind hält wie angesagt seine Stärke bei und schickt uns mit 6-7 Knoten Geschwindigkeit über die restliche Strecke. Das Wetter hat sich beruhigt und wir werden mit viel Sonne bei wenigen Wolken verwöhnt. Wegen der nur 12°C auf dem Wasser und dem frischen Wind ist unsere mehrschichtige Kleidung weiterhin notwendig. 

An diesem Küstenabschnitt ist heute viel Schiffsverkehr - diverse größere Segelboote kommen die von der dänischen Westküste hoch und die Frachter kommen in regelmäßigem Abstand ebenfalls von Süden hochgefahren.





Am im Wasser anscheinend versinkenden Segelboot sieht man ungefähr, wie hoch die Welle hier war: 




Zu Seglern, Frachtern, Arbeitsschiffen und Motorbooten kam dann auch noch das:


Hierbei handelt es sich aber nicht wirklich um ein Flugzeug, sondern um einen SAR-Hubschrauber der norwegischen Seenotrettung (SAR = search and rescue / suchen und retten). Den hatte ich schon eine Weile beobachtet, da er immer wieder vom Land aus raus aufs Wasser flog und auf dem gleichen Weg wieder zurück. Hier hatte er seine Route geändert und kam nun die Küstenlinie rauf. Seine Geschwindigkeit betrug übrigens 91 Knoten - beneidenswert.

Unterwegs machte ich mir schon ordentlich Gedanken, wie ich alleine sicher in den Egersund einlaufen kann. Die Einfahrten sind generell breit genug, jedoch gespickt mit Untiefen, welche eine genaue Einhaltung der Betonnung erfordert. 



Links neben der Untiefe sieht man die Betonnung des Fahrwassers

Das ist bei der gut 2 Meter hohen Welle und dem kräftigen Wind unter  Segeln nicht so einfach. Die Segel bei dieser Wellenhöhe draußen vor der Einfahrt alleine zu bergen ist möglich, aber auch nicht schnell und einfach erledigt. 

Zum Glück erholt sich Harry noch vor Erreichen der Einfahrt soweit, dass er das Steuer übernehmen kann, während ich die Segel bediene. Zusammen haben wir es nach mehreren Versuchen geschafft, dass Vorsegel ordentlich aufzurollen. Unter Großsegel fahren wir die Anfahrt an und meistern sie mit mehreren Halsen (das Boot geht mit dem Heck durch den Wind). Der Wind schafft es dank seiner Stärke noch bis tief in den Sund, so dass wir erst spät das letzte Segel einholen müssen. 




Schon bei der Anfahrt sehen wir, dass der Hafen bereits sehr gut gefüllt ist. Kurz vor dem Hafen sehen wir noch keinen Platz am Steg, der für unser Boot passen könnte. Letzten Endes müssen wir uns mit dem alten Fähranleger am Betonkai genügen, da tatsächlich nichts mehr frei ist. Während des Anlegemanövers, dass uns dank der Hilfe eines netten Norwegers noch ganz gut gelingt, hören wir es auch schon - laute Musik. Stolz berichtet uns der nette Helfer, dass heute Abend ein Bluesfestival in Egersund stattfindet. Wir lächeln tapfer zurück, danken für die Info und denken nur im Stillen "vom Regen in die Traufe - nix mit ruhig ausschlafen". Dies ist dann auch die Erklärung für den vollen Hafen. Hier fährt man halt mit dem Boot zum Konzert. 


Uns stecken 79 Seemeilen in 11 Stunden Fahrt in den Knochen. Segeln bei Welle mit gut 2,50 Meter ist anstrengend. Wir brutzeln uns noch eine große Portion Kaiserschmarrn und genießen diese sehr, denn tagsüber war keinem von uns - aus unterschiedlichen Gründen - nach Essen zumute.  Die Livemusik aus dem nahen Park ist richtig gut und wir bedauern es ein wenig, das wir nicht fit genug sind, um uns ein wenig zu den anderen zu gesellen. Da es eine "öffentliche Veranstaltung" ist, geht sie auch nicht die ganze Nacht durch. Kaum in der Koje liegend schlafen wir schnell ein, begleitet von einer Blues singenden E-Gitarre.






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