Sonntag, 1. August 2021

01.08.2021 Von Figeholm nach Batsviken (nördlich Västervik)

 Sonntag, 01. August

 

Um fünf Uhr werde ich wach, aber weil der Wecker erst um sieben die Nacht beenden wird und mir so überhaupt nicht nach Aufstehen ist, versuche ich wieder einzuschlafen. Doch das will mir nicht so recht gelingen und so stehe ich dann um 05:40 auf. Der Seewetterbericht ist unverändert, aktuell haben wir 14° C und mir fällt ein, dass ich vor dem heutigen Törnstart ja noch kurz den Seewasserfilter reinigen könnte.

Der Seewasserfilter reinigt das Meerwasser, das der Dieselmotor durch den Saildrive zur Kühlung des Motors ansaugt. Dieses Seewasser kühlt dann über einen Wärmetauscher die eigentliche Kühlflüssigkeit des Motors. Bei einem Automotor erledigt das der Fahrtwind über den Kühler, der ja auch nichts anderes als ein Wärmetauscher ist.

06:30: Das Logbuch ist fertig vorbereitet für die Fahrt, inklusive der Daten des aktuellen Wetterberichtes. Jetzt ist noch der Wassertank im Bug aufzufüllen, denn vor dem Ankern zählt jeder Liter. Währenddessen hole ich die gut 30 Meter Landstromkabel ein, das über eine Steckdose an der Tankstelle, Ari mit Strom versorgt.

Ich bin fertig zum Ablegen und ich habe ein ganz flaues Gefühl. Es gibt keinen konkreten Grund dafür. Vermutlich sind es die schlechten Erfahrungen der letzten Wochen, die mir tatsächlich etwas Angst bereiten, loszufahren. Das hatte ich noch nie. Ich reiße noch alle Seiten aus dem handschriftlichen Schiffstagebuch. Alles Wichtige der letzten Wochen habe ich ja bereits in den Blog übernommen. Das vermittelt mir einen Augenblick das Gefühl eines Neuanfangs. Vielleicht wird jetzt alles gut. Ich habe Zweifel.

Um 07:10 starte ich den Motor, hole alle nicht benötigten Fender ein und löse zuerst die Leinen am Bug, zuletzt den Mooringhaken, der in der Mooringboje eingehakt, Ari über eine Festmacherleine nach hinten sichert. Das Boot ist frei. Unsicher lege ich den Rückwärtsgang ein und fahre Ari ein paar Meter aus dem Hafenbereich heraus. Dort lasse ich sie bei sieben Knoten Wind im Hafen treiben, um alles Klarschiff zu machen. Bis es soweit ist, vergehen rund zehn Minuten, dann geht es los.

In meinem Kopf wiederholen sich die Ereignisse meiner letzten Fahrt vom 19. Juli. Ich achte auf jedes Geräusch am Boot und als zufällig ein lauteres Knacken in der Verbindung zwischen Mast und Baum, dem sogenannten „Lümmel“, entsteht, fahre ich innerlich zusammen. Der neue Propeller macht leichte Vibrationen und man kann ihn im Gegensatz zum Festpropeller hören. Okay, nichts scheint auf einen Schaden hinzuweisen, sage ich mir wenig später.

Ich fahre wenig später am Ort meiner Havarie vorbei, biege jedoch nicht in das enge Schärenfahrwasser ein, sondern nehme Kurs auf die offene See. Ich möchte heute Meilen machen. Um Viertel nach acht setze ich nach knapp vier gefahrenen Seemeilen zunächst nur das Großsegel und mache den Motor aus. Ich habe achterlichen Wind aus SSE (südsüdost), gut einen halben Meter Welle und ich weiß, dass ich bis Mittag mit Böen bis 6 Beaufort zu rechnen habe. Ich will es langsam angehen. Mir fällt ein, dass ich ja beim neuen Propeller den Rückwärtsgang beim Segeln einlegen muss, damit sich die Drehflügel in die strömungsgünstige Segelstellung drehen können. Gedacht – getan.

Ich blinke achternaus (direkt nach hinten) und sehe in der Ferne die Hafengebäude von Oskarshamn. Querab an backbord habe ich ein Atomkraftwerk, welches direkt an der Küste liegt.



Der Autopilot steuert einen Kurs von 55° für die nächsten zehn Seemeilen. Querab an steuerbord liegt die Blaue Jungfrau.

 



Knapp fünf Seemeilen vor mir, fährt eine Fähre mit Kurs Süd an der Blauen Jungfrau vorbei. Der Himmel bewölkt sich zunehmend, wie vorhergesagt. Bisher läuft alles gut und ich fange langsam an, etwas zu entspannen. Ich versuche die Fahrt zu genießen, während die von schräg hinten auflaufende Welle, Ari wie eine Wiege schaukeln lässt. 

 


Ich habe heute noch nichts gegessen, nicht mal einen Kaffee getrunken. Mein Körper meldet Hunger an. Ich fülle mir eine Schale mit Milram Vanille Pudding aus dem Tetrapack und schütte mir eine große Portion „Kölln“ Hafer Müsli in der Geschmacksrichtung Schoko & Kaffee darüber. Sehr lecker. Eine angefangene Flasche Cola Zero ist heute mein Kaffeeersatz. Jetzt geht es mir besser.

Gegen 11:00 kann ich noch zusätzlich die Genua (Vorsegel) setzen. Bei achterlichen Wind bis 18 Knoten surft Ari die kleinen Wellen ab und macht öfter ihre 7,5 Knoten. Nach wie vor kommt der Wind allerdings südlicher als angesagt.

Ab 12:00 fahre ich Kurs Nord und der Wind beginnt langsam westlicher zu drehen. Wir haben jetzt des öfteren 21 Knoten. Ich muss reffen (die Segelfläche verkleinern). Es segelt sich ein wenig ruppig, denn der Wind dreht ständig um 30° - 35° und pendelt dabei zwischen 15 kn und 21 kn. Doch jetzt zeigen sich die Vorzüge des Drehflüglers. Ari fährt mit einem Wind aus 120° beim abreiten der 70 Zentimeter Welle vielfach zwischen acht und neuneinhalb Knoten nach Logge (nicht nach GPS).

 



 

Die Sonne scheint immer wieder am strahlend blauen Himmel, der etwa 50% Wolkenanteil hat. Am frühen Nachmittag lässt der Wind ein wenig nach, so dass ich mehrfach die Segelfläche anpassen muss, doch er bringt mich bis nah an mein Ziel, so dass ich nur die letzten drei Meilen unter Motor fahren muss. Nein, ich müsste nicht mal, aber ich traue mich im Augenblick nicht, die etwas engeren Schärenpassagen vor unter Segeln zu durchfahren. Das machen meine Nerven noch nicht wieder mit.

 


 

Schnell ist mein Ankerplatz erreicht. Auf drei Seiten etwa 20 Meter hoch durch Felsen und Wald vor Windböen geschützt, fällt der Anker auf viereinhalb Metern Tiefe und hält ausnahmsweise gleich beim ersten Versuch. 15:03 Motor aus!

 




 

Der heutige Törn hat mich meinem Ziel Stockholm fast 46 Seemeilen näher gebracht.

 


 

 


 



 Der Track des Schwoiens von Ari. Der Anker liegt circa bei der "5" Meter Tiefenangabe.

 

1 Kommentar:

  1. Super, dass Dein Neustart so gut gelungen ist. Weiter so !
    Liebe Grüße Gerd und Christine

    AntwortenLöschen