Dienstag, 3. August
Um 04:30 klingelt mein Wecker. Ich prüfe als erstes den Wetterbericht und der hat sich seit gestern Abend nicht wesentlich geändert. Also kann es, wie geplant losgehen.
Das Thermometer zeigt innen 15°C und draußen 11°C (wir haben August!). Noch bevor ich mir die Zahnbürste in den Mund stecke, ziehe ich mich daher mehrlagig an; dazu gehört auch meine wasserfeste Segel-Latzhose. Dann noch schnell das Logbuch mit den aktuellen Daten versehen, die drei Sicherungsautomaten für Steuerstandinstrumente und den Funk angeschaltet. 05:07 drücke ich den Startknopf und der Diesel nimmt nach kurzem Vorglühen seine Arbeit auf. Während er sich warmläuft, habe ich Zeit den Anker einzuholen. An der Kette klebt stellenweise fester Modder, doch weitestgehend ist sie sauber, genauso wie der Anker selbst. Meine Segelhosen und Bootsschuhe sehen trotzdem untenrum aus, als hätte ich einen Waldlauf nach langem Regen hinter mir. Egal.
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| Kurz vor dem Start |
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| Da geht es entlang |
Unter Motor fahre ich erstmal auf dem kürzesten Weg durch die Schären auf die offene See. Es ist kurz nach sechs Uhr als ich nach 4,2 Seemeilen (rund 7,8 km) die Untiefen genau so hinter mir, wie den Wind. Das ist gut, denn ich drehe jetzt nach Norden ab und damit kommt der Wind leicht vorderlich (von schräg links) in einem Winkel von ungefähr 65° auf mich zu. Ich setze volle Segel und schalte den Diesel aus. Jetzt werden beide Segel getrimmt. Zuerst immer das Vorsegel, danach das Großsegel. Da ich mal wieder vergessen habe den neuen Propeller in die "Segelstellung" zu bringen, indem ich den Rückwärtsgang einlege, hole ich das jetzt nach. Siehe da, die Geschwindigkeit erhöht sich hierdurch um etwa 0,3 Knoten. Bei aktuell 9 Knoten (3 Bft.) kann ich damit sieben Knoten Fahrt machen. Der neue Drehflügeler scheint an diesem Ergebnis nicht ganz unbeteiligt zu sein.
Die See (Wellenhöhe) ist mit geschätzt 0,4 Metern deutlich flacher als vorhergesagt (0,6 m, und nördlicher 0,8 m). Auch das kommt mir zu Gute, denn die Welle kommt, wie heute auch, in der Regel aus der Richtung des Windes und bremst die Fahrt des Bootes.
Das letzte Rot des Sommenaufgangs schwebt noch über dem Horizont während sich die Sonne bereits über die Wolken erhoben hat. Es ist halbsechs Uhr morgens. Alles ist sehr angenehm und der erste Hunger meldet sich an. Ich beschließe zunächst nur zwei Eierwaffeln zu essen und nein - verzichte dabei auf Nutella und Cointreau.
Das Festland ist inzwischen schon etwa fünf Seemeilen entfernt, die Sonne scheint und die Außentemperatur ist auf immerhin 13°C gestiegen. Über dem Festland auf meiner Backbordseite ist alles wolkenfrei; auf Steuerbord hängen weit draußen über dem Meer dicke Regenwolken, dazwischen ich. 😀
Kurz nach acht entdecke ich beim Hochschauen zufällig mitten im Blau des Himmels, den abnehmenden Viertelmond, welcher im Zenit zu stehen scheint.
Ich gehe kurz unter Deck, um etwas zu erledigen, da fällt mir auf, dass in der Toilette im Bug Wasser im WC steht. Es ist normal, das bei Krängung (Schräglage des Bootes), der Wasserspiegel im WC steigt, wenn man die Seeventile (durch die man das Wasser ansaugt bzw. ablässt) nicht geschlossen hat. Das will ich jetzt nachholen. Ich schließe zunächst das Abwasserventil des WC´s, dann den Spülwasserzulauf, der sich, als ich den Helbel des Kugelventils schließen will, wegdreht. Ich traue meinen Augen nicht. Der Spülwasserzulauf ist direkt hinter dem Kugelventil völlig lose. Ich schließe das Kugelventil und beschäftige mich dann später mit der Ursache. Aus solchen und ähnlichen Gründen sind schon Yachten gesunken. Irgendwie läuft es für mein Gefühl sowieso schon etwas zu gut - mich beschleicht ein flaues Gefühl, wie eine Vorahnung.
Am Späten Vormittag kommt der richtige Hunger. Ich backe mir drei dunkle Brötchen auf, die dann draußen im Cockpit verzehrt werden, damit ich nichts verpasse. Und das ist gut so, denn ...
... unter anderem beschäftigt mich dieser Gastanker so, dass ich versäume um 11:00 meinen Logbucheintrag zu machen.
Der Plotter meldet, dass dieser Tanker, die "THUN EVOLVE" in 10 Minuten und 12 Sekunden in einem Abstand von 226 ft (Fuß), also weniger als 70 Metern, an mir vorbeifahren wird. Kurz darauf stelle ich fest, dass er vor mir in diesem Abstand vorbeifahren wird, wenn er seinen Kurs respektive seine Geschwindigkeit beibehält. Und er behält sie bei - zumindest noch für weitere rund 5 Minuten. Dann dreht er von seinem Kurs 176° auf 170° ab, was dann den Abstand am dichtesten Punkt "CPA" auf weniger als eine Viertelmeile erhöht hätte. Weil die Windstärke und damit meine Geschwindigkeit unter Segeln ständigen Änderungen unterliegt, ist mir das zu wenig und ich entscheide höher an den Wind zu gehen, was mich zum einen langsamer macht und mich gleichzeitig hinter ihn bringt. Was für ein Blö... !
Immer wieder bleibt am Vormittag kurzzeitig der Wind weg. Doch wenn ich mich entscheide die Segel einzuholen, briest er wieder auf. Ich bin zufrieden, denn so mache ich Meile um Meile unter Segeln. Im Kopf habe ich mir eine magische Grenze gesetzt. Ich würde gerne die Hälfte der heutigen 75 Seemeilen nach Nynäshamn (mein heutiges Ziel) unter Segeln schaffen. Dann wäre ich richtig zufrieden! Wobei solche Gedanken schon die beste Grundlage dafür sind, sich unglücklich zu machen - aber was soll ich tun - sie sind halt da. Um drei Viertel eins ist es dann soweit. 45 Seemeilen unter Segel geschafft, der Wind ist fast Weg - ich mache den Motor an und hole die Segel ein. Ich fahre gut eine halbe Meile - da ist er wieder da - der Wind. Also Segel gesetzt - Motor aus - auch das gehört zum Segeln. Es läuft fast zu gut, um wahr zu sein und so mache ich in den nächsten 70 Minuten tatsächlich noch genau fünf weitere Seemeilen unter Segeln, bis der frische Wind endgültig zum Schwachwind wird. Insgesamt bin ich damit genau 50 sm von geschätzten 75 sm gesegelt und damit überglücklich. Den ganzen Nachmittag habe ich noch strahlenden Sonnenschein bei um die 20°C. Erst später wird es sich bewölken, wie vom Wetterbericht prognostiziert.
Es ist Kaffee & Kuchen "Normzeit" in Deutschland (also: 15:00) als mir einfällt, das ich anstatt nach Nynäshamn zu fahren, auch etwas weiter südlich ankern könnte. Das Wetter bis einschließlich morgen lässt das zu und preiswerter ist es auch und ich spare rund drei Seemeilen Wegstrecke. Die Bucht kenne ich schon aus 2019 und weiß, das dort ein passabler Ankergrund war, auch wenn ich mich nicht mehr daran erinnern kann, welcher.
Es ist 15:09, als ich das zweite Mal heute glaube, meinen Augen nicht trauen zu können. Auf meinem Plotter erscheint ein FLUGZEUG, weniger als drei Seemeilen von mir entfernt und als es in den von mir als sicherheitsrelevant definierten Abstand eindringt, verfärbt es sich auf dem Plotter von grün in rot. Es kommt fast direkt auf mich zu. Ich stelle mich nahe an die backbord Bordwand und schaue nach vorne. Zunächst kann ich nichts erkennen. Ich frage mich, ob es sich vielleicht um ein Wasserflugzeug handeln könnte. In der nähe von Turku (Finnland) hatte ich mal eines am Ufer "parken" sehen und auch in Kopenhagen hatten ich mit Katrin mal eine Art VIP-Shuttle in Form eines Wasserflugzeugs an einem Pier entdeckt. Da entdecke ich plötzlich vor mir auf etwa 11 Uhr einen Punkt in relativ niedriger Flughöhe. Ich hole die Kamera und fotografiere zunächst das Plotterbild und Sekunden später das ...
Leicht irritiert aber mehr erleichtert, stellen sich mir Fragen, die ich dann später Dank Internet klären kann. Was mir völlig neu ist, ist die Tatsache, dass Such- und Rettungsdienste auf See (SAR-Luftfahrzeuge) nicht nur mit AIS arbeiten, sondern dieses Signal auch senden und damit wie entsprechende Wasserfahrzeuge auch auf Plottern der Schifffahrt sichtbar sind.
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| Kurz vor dem Ziel |
Irgendwann bin ich dann in meiner Zielbucht angekommen, drehe Ari in den Wind und lasse den Anker fallen. Er greift beim ersten Versuch und ich zum Logbuch, in welchem ich notiere: 17:02, Motor aus, Anker fällt bei 5,8 m Tiefe, Kettenlänge 30 m, usw.
Es sei vorweggenommen: Meine bösen Vorahnungen haben sich nicht bestätigt - mich dafür aber lange beschäftigt. Auch eine perfekte Welt kann daran zugrunde gehen, das sie im Kopf eines Menschen an einem kurz bevorstehenden Unglück zerschellt, dass in der Realität dann nicht eintritt. Ein an sich sorgenfreier und perfekter Tag erzeugt bei mir derzeit automatisch die Erwartung, dass das dicke Ende noch kommt. Es hat den Anschein, dass ich auf diese Weise die Schlechtigkeiten des Lebens verarbeite - aber es macht mich fertig.
Ich liege in schöner Umgebung und in weiteren rund 75 Seemeilen kann ich Stockholm auf dem Wasserweg erreichen. Wenn es darauf ankommt, ist Stockholm also nur einen Zwölf-Stunden-Törn weit entfernt. Ich muss jetzt nicht mehr hetzen - das ist gut, denn ich hatte durch die Aufenthalte in Kalmar und Figeholm 20 Tage Zeit verloren. Ich liege wieder im Zeitplan um Katrin rechtzeitig am Freitag nächster Woche abholen zu können.













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