Donnerstag, 5. August 2021

05.08.2021 Von Järflotta nach Nynäshamn

 Donnerstag, 05. August

 

Es war eine ruhige Nacht vor Anker. Noch bis spät abends habe ich fotografiert, während lautstark die Musik lief. Die Bucht ist riesig und ich augenscheinlich der Einzige weit und breit. Ich lese meine eigenen Blogs und entdecke diverse Rechtsschreibfehler. Das korrigiere ich mal irgendwann, sage ich mir.

 

Nachts um halbzwölf ist die Sonne schon lange unter gegangen, aber am nördlichen Himmel ist immer noch ein blaues Band von Restlicht zu sehen, das über die Kappe des Nordpols scheint. Einige Sterne sind zu sehen; kein Mond. Um mich herum ist tiefschwarze Nacht.

 

Ich spüre jedes Großschiff, das hier in der Nähe der Bucht vorbeigefahren ist am anschließenden Wellengang. Sekunden später wiegt sich Ari wieder gleichmäßig in der See. Gegen ein Uhr lege ich mein Tablet aus der Hand, schalte die Musik aus und lasse mich in den Schlaf wiegen. Gegen fünf bin ich das erste Mal wach und ausgeschlafen, aber es gibt keinen Grund dafür aufzustehen. Um drei Viertel acht erkläre ich meinen Tag dann für eröffnet.

Ich prüfe kurz meine Position in der Bucht. Die ist aufgrund der Weitläufigkeit noch in Ordnung. Dennoch hat der gestrige dauerhafte Südwind mit bis zu 14 Knoten (4 Bft.) und die Wellen der Berufsschifffahrt, meinen Anker um etliche Meter Richtung Norden verschoben.

 

 

Der grüne Kreis ist der ursprüngliche Schwoienkreis mit einem Radius von 30 Metern und der Ankerposition (rotes Kreuz) in der Mitte. Der rote Kreis ist der letzte Schwoienkreis nach anderthalb Tagen mit demselben Radius und der geschätzten Ankerposition. Zwischen beiden kreuzen liegt in etwa eine Drift von 28 Metern. Der geradlinige gelbe Track der nach rechts oben auswandert ist eine Art GPS-Störung.

Man kann gut erkennen, wie sehr sich das Boot am zweiten Tag (roter Kreis) aufgrund des stärkeren Windes im Verhältnis zum Vortag (grüner Kreis) bewegt hat. Das rote Dreieck ist die letzte Position von Ari vor dem Abschalten des Tracks - allerdings ist die tatsächliche Bootsausrichtung um 180° gedreht gewesen. Die Bootsrichtung wird auf der NavigationsApp immer falsch dargestellt, sobald wir keine Fahrt voraus machen. Warum, weiß ich nicht.

 

Ich sitze am Morgen bei 17°C mit einem Kaffee im Cockpit und versende, wie gestern auch, Geburtstagsglückwünsche. Und eigentlich könnte man ja nach einer Woche mal wieder in den Tagesspiegel online schauen. Das tue ich auch und stelle fest, dass ich nichts versäumt zu haben scheine. Die Welt kann ohne Nachrichten manchmal so viel besser sein.

 

Kurz nach elf Uhr starte ich den Motor und hole den Anker auf. Kette und Anker sind völlig sauber. Nur einige wenige Seegrashalme haben sich in der Ankerkette festgesetzt. Die meisten lösen sich noch im Wasser. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auf Sandboden geankert habe. Es ist ein mittelguter Ankergrund und erklärt das langsame und gleichmäßige Driften des Ankers. Unter dem Strich kann ich diese Bucht daher bezüglich des Ankerns bis maximal 4 Beaufort empfehlen. Spätestens dann muss ein zweiter Anker oder eine andere Lösung her. Ich würde vermutlich einen zweiten Buganker nehmen und den entweder

 

a)    in die Ankerkette des ersten Ankers nach 20 der mindestens 30 Meter Kette, bei 6 Metern Ankertiefe, einschäkeln  

oder

b)     ihn an einer separaten Ankerleine mit Kettenvorlauf ausbringen. Dann müsste der zweite Anker allerdings bei wesentlichen Änderungen der Windrichtung jeweils neu gesetzt werden, um eine Wuhling der Ketten zu verhindern.

Der Begriff Wu(h)ling ist die seemännische Bezeichnung für durcheinandergeratenes Tauwerk. Eine Wu(h)ling entsteht, wenn Leinen ungeordnet auf einen Haufen geworfen und nicht sofort aufgeschossen werden. Unter dem Aufschießen einer Leine versteht man in der Seemannssprache das Zusammenlegen von Tauwerk in Schlaufen, um es als „Bunsch“ so zu verstauen, dass es für die Benutzung jederzeit einsatzbereit ist. Auch für das Seil im Bergsport, oder das Zusammenlegen von Kabeln ist dieser Begriff gebräuchlich.

 

Unter Motor fahre ich nach Süden aus der Bucht und hatte eigentlich die Absicht, nach der 180°-Wende am Ende der Halbinsel, die Segel zu setzen. Statt der angesagten 7 Knoten Wind sind es nur 4 Knoten und ich fahre die gesamte Strecke von achteinhalb Seemeilen unter Motor. Das hat den Vorteil, dass ich ganz entspannt das Boot zum Anlegen vorbereiten kann. In Nynäshamn gibt es Y-Stege ohne Gehfläche oder Mooringbojen. Die Y-Stege eignen sich nicht gut zum Einhandanlegen. Daher ist es keine Frage, dass ich die Mooringboje vorziehe.

 

Hier ein paar Eindrücke von meinem heutigen Kurztörn:

 



 

 


 


 

Der Hafen ist mittags noch leer und ich habe ´zig Plätze zur Auswahl. Das Anlegemanöver läuft, auch wegen des geringen Windes, erste Sahne und dann steht auch noch ein Schwede an Steg parat, um meine Bugleinen zu belegen. Was will man mehr.

 

Nachdem alle Festmacher richtig sitzen und der Landstrom angeschlossen ist, gibt es gegen 14:00 erst mal Frühstück. Dann die übliche Prozedur: Liegegeld beim Hafenmeister bezahlen (hier: 350 SEK pro Tag inkl. electricity), Müll wegbringen und einkaufen gehen.

 

In einer Entfernung von 1,5 Kilometern ist aus einem Schwedischen Supermarkt ein LIDL entstanden. Dort hole ich frischen Lachs, 720 g Flanksteak und schwarzen Pfeffer. Wieder keine Kardamom Knuts. Die finde ich nur eingefroren in einer Familienpackung – nichts, was ich gebrauchen könnte. Zurück an Bord gönne ich mir heute mal ein verspätetes Anlegebier. Eine Zeremonie, die ich seit dem Start in Neuhof völlig außer Acht gelassen habe.

 

Abends gehe ich dann in den Hafengrill, eine Art Imbissbude mit Sitzgelegenheit. Hier gibt es köstliche Hamburger und zwar mit 200 g Fleisch, Käse, Pommes und einem alkoholfreien Getränk zum Menüpreis von knapp über 10 €. Ich kenne diesen Imbiss noch von meinem letzten Besuch in Nynäshamn 2019. Die Qualität hat sich nicht geändert und die Sauce, die man hier auf die Zwiebel-Salatfüllung macht ist richtig lecker. Schon überlege ich, morgen noch einmal hinzugehen. Ich bin ja vermutlich noch vier Tage hier.

 



Warum so lange? Das Wetter schlägt um. Morgen beginnt es mit Starkwind. Samstag sollte ursprünglich schwerer Sturm kommen, nun ist es nur noch Sturm, Sonntag Starkwind und Montag wieder Sturm. So sieht es derzeit danach aus, dass ich erst am Dienstag wieder zum Ankern in eine Bucht fahren kann und hier solange „eingeweht“ bin. Seemännisch heißt das Ganze dann: „Im Hafen abwettern“.

Nynäshamn hatte ich ja bereits im Blog von 2019 beschrieben. Nun bin ich das dritte Mal hier. Mir wird schon was einfallen, wie ich Euch und mich unterhalte.

 

Hier noch mein heutiger Track auf der Seekarte:




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