Dienstag, 10. August 2021

10.08.2021 Von STORÖN nach HASSELÖ-FLADEN (Ankerplatz)

Dienstag, 10. August

 

Es ist ein sonniger Morgen und ich verlasse kurz nach halbelf den Hafen von Storöm. Schön war es hier wieder einmal. Mein heutiges Ziel, eine Bucht im Archipel von BJURÖN, keine acht Seemeilen Luftlinie nordöstlich von Stockholm entfernt. Hier habe ich auch bereits mehrfach an verschiedenen Stellen geankert und es ist der optimale Ausgangspunkt, um am Freitag nach Stockholm zu fahren. Die Entfernung auf dem Wasserweg, rund 13 Seemeilen.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass meine nachfolgenden Gedanken und Notizen so, wie beschrieben entstanden und nicht im Sinne einer schönen Geschichte erdacht wurden …

 

Um 11:20 habe ich gerade eine Anwandlung von Zufriedenheit und notiere handschriftlich in mein Notizbuch: „Ich reise     segeln in seiner entspanntesten Form,  ohne langweilig zu sein. Ich fahre, nur unter Großsegel, mit gut fünf Knoten Geschwindigkeit.  Downwind im gentlemen course, hatte das mal irgendjemand genannt.  Ja, meinetwegen.  Alles geht heute so leicht, so einfach, und Meile für Meile schwindet dabei das Gefühl, dass jetzt etwas Schlechtes zum Ausgleich folgen müsse. Bin ich vielleicht jetzt erst in meinem eigenen Urlaub angekommen?  Man grüßt mal nach steuerbord, mal nach backbord – sogar die Motorbootfahrer – 😜“.

 

Das passende Boot zu unseren Segeln.


 
Das ist hier sozusagen die Wasser-BVG, die an vielen Schären anlegt.

 

 


 

 

Am nordwestlichen Horizont bauen sich immer mehr Schlechtwetterwolken auf. Das ist der für den Nachmittag angesagte Regen. Da ich mich gerade auf einer großen Freifläche des Wassers befinde, nutze ich die Gelegenheit, um mir schon vorsorglich die Schlechtwetterkleidung anzuziehen.


Die Fotos dieser Bilderreihe sind nicht nachbearbeitet.

 

Es ist Punkt 11:45 als ich denke, ich hätte nördlich von mir einen Blitz gesehen. Nein, es war ja im Seewetterbericht auch kein Gewitter für diese Gegend vorhergesagt. Sekunden später – definitiv – ein Blitz gefolgt von Donnergrollen.

Zunächst greife ich mir das Reservetablet und den WLAN-Router und lege beide in den Backofen. Sollte der Blitz einschlagen, habe ich so noch eine Restchance, dass die Beiden überleben.

 

Gerade bin ich auf westlichen Kurs gegangen und sehe, vor mir hängen dicke, schwarze Gewitterwolken. Mein Ziel führt mich genau in diese Richtung. Auf dem Wasser wird es unruhig – aber weniger, weil der Wind jetzt aufbrist, vielmehr sind es die anderen Boote, Yachten, Schiffe, die den Eindruck der Gehetztheit vermitteln.

 


 

 


 


 

Einige Segelyachten, wechseln vor mir von der Nord- auf die Südseite des Fahrwassers. Gut, denke ich mir, es ist sinnvoll sich von den im Norden befindlichen Inseln frei zu halten und kreuze ebenfalls das Fahrwasser nach Süden. Ein kleines Motorboot kommt neben mir angebraust, wendet im engen 180°-Bogen und fährt wieder zurück. Überhaupt sind viele Motorboote im hohen Tempo unterwegs. Ein Schiff der Schwedischen Wasserschutzpolizei fährt so, als ob es die Segler und Motorbootfahrer „kontrollieren“ wolle, ob sie alles im Griff haben, denn die ersten Starkwindböen sind seit einigen Minuten da. Das Polizeischiff überholt mich, fährt einige hundert Meter voraus, wendet und fährt auf der anderen Seite des Fahrwassers wieder zurück. Ein Rettungsboot läuft aus dem Hafen Sollenkroka BGA (Insel TRANVIK) aus. Der Himmel vor mir ist schwarz und etwas südlich ist eine deutliche Böenwalze in der Wolkenformation zu sehen.

 

„Was mache ich hier eigentlich?“ frage ich mich selbst. Noch bin ich trocken und nicht der Sklave meines Tagesziels. Ein kurzer Rundumblick – auf den nächsten Metern ist alles frei – und eine 180°-Wende. So, jetzt fühle ich mich besser. Nicht nur, weil ich das schlechte Wetter so hinter mir lasse, sondern weil jetzt vor mir stellenweise noch die Sonne am fast vollständig bedeckten Himmel scheint. Zumindest ist dort im Osten noch alles recht hell.

 

Mein neuer Blick nach der 180°-Wende.

 

Katrin, die mich ja auf der Find Ship Seite verfolgt, schreibe ich eine kurze WhatsApp, dass alles in Ordnung ist. Zunächst habe ich die Idee, das Gewitter durchziehen zu lassen und dann noch einmal zurück zu segeln. Bis dahin könnte ich ja ziellos umhersegeln, um die Zeit tot zu schlagen.

Da ich nach wie vor nur das Großsegel gesetzt habe komme ich auf die Idee, auf der großen freien Wasserfläche, in der Art einer riesigen Kreuzung zweier Fahrwasser, einfach mal auszuprobieren, wie hoch man alleine mit einem Großsegel Amwind segeln kann. Ich schaffe bei 16 Knoten Wind einen Kurs von 50° zum Wind (true wind) mit einer Geschwindigkeit von kaum mehr als 4 Knoten. Gut, hätte ich das auch mal geklärt.

So segele ich noch einige Minuten weiter und stelle dann fest, dass sich das Schlechtwettergebiet nur sehr langsam nach Nordosten bewegt. Es scheint die sinnvollere Alternative zu sein, das eigentliche Ziel für heute aufzugeben und einfach irgendwo anders ankern zu gehen. Zufällig steuere ich gerade auf eine Bucht zu, deren Einfahrt in etwa anderthalb Meilen Entfernung liegt und welche einen geschützten Eindruck macht. Das Gute, sie liegt auf meinem Kurs und ich kann einfach hinsegeln.

Es ist viertel nach eins, als ich mir hinter einer vorgelagerten, größeren Schäre, etwas Windschutz suche und das Segel einhole. So geht es unter Motor noch 1,9 Seemeilen bis zu meinem Ankerplatz. Leider sind die Felsen, die die Bucht umgeben, nicht allzu hoch, so dass auch dort noch rund 11 der 15 Knoten Wind stehen. Auf sechs Meter Tiefe fällt der Anker und ich strecke gut 30 Meter Kette. Ich muss etwas vorsichtig sein, denn rechts und links von mir gibt es unter Wasser Felsen, deren konkrete Tiefe in der Seekarte nicht beziffert ist und in meinem Rücken nimmt die Bucht schnell an Tiefe bis auf 20 Meter zu. Nicht ideal – aber heute Abend ab circa 20:00 soll die Windstärke sukzessive bis auf drei Beaufort abnehmen. Hier in der Bucht sollten dann davon nicht mehr als zwei Beaufort übrig bleiben.

Als ich mit dem gesetzten Anker nach langer Kontrolle einiger Maßen zufrieden bin, sehe ich, es ist Zeit für Kaffee & Kuchen.   „Er ist von uns gegangen!“   mein letzter Kardamom Knut. Ich hatte ihn mir bis heute aufgespart.

 

Ein SAR-Hubschrauber im Einsatz.


 
Auch am Ankerplatz zieht es sich jetzt zu.

 

 


 

Da, aus dem Westen kam ich her und da will ich morgen wieder hin.

 

 Während ich diesen Blog geschrieben habe, ist es schon nach 18 Uhr. Draußen scheint die Sonne, der Wind hat bereits jetzt nachgelassen. Der Anker ist in den gut drei Stunden seit meiner Ankunft circa 15 Meter in Windrichtung gerutscht. Das war auch gut zu hören, weil der Seegrund hier aus Steinen besteht (nehme ich an) und die Kette darauf beim Schwoien ordentlich Lärm macht. Inzwischen ist fast nichts mehr zu hören. Ich sollte also für die Nacht fest genug liegen.

 

 

 

Morgen geht es aber auf jeden Fall weiter.

 

Bleibt mir gewogen und weiterhin neugierig. Danke für´ s Lesen.

 


 

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