Freitag, 23. Juni 2023

23. Juni 2023, Stora Jolpan / Finnhamn

 Freitag, 23. Juni


Der Tag des Midsommar-Abends


 

Das Marine Flaggenalphabet

 

Nun ist es unverkennbar. Wir nähern uns dem Ereignis, dass für die Schweden das bedeutendste neben dem Weihnachtsfest ist, Midsommar. Der schwedische Midsommar findet jedoch nicht am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, sondern am Johannistag statt, der auf den Samstag terminiert ist, der dem 21. Juni am nächsten ist. Also morgen, den 24. Juni. Man feiert in den Johannistag hinein, weswegen alles am Freitag, den sogenannten Midsommar-Abend beginnt. Also heute Abend.

 

 

Hier am langen Holzsteg der Bucht von Finnhamn ist alles voll mit Sportbooten aller Art. Selbst jetzt am Vormittag laufen hier noch weitere Boote ein. Festgemacht wird an allen sich bietenden Möglichkeiten, sofern man nicht vor Anker liegt. Doch selbst das Feld der Ankerlieger hat sich bereits so gefüllt, dass keine weiteren Boote mehr dazwischen zu passen scheinen.  Boote vor Anker schwoien, d.h. sie drehen sich radial um ihren Ankerpunkt, je nach Windrichtung und Wasserströmung. Das tun sie aber nicht unbedingt im Gleichtakt und so erfordert es schon ein wenig Freiraum um jedes Boot herum, damit es keine Kollisionen gibt.

Die nächste Motoryacht läuft gerade ein und während ich diesen Satz schreibe, noch eine weitere. Ich sehe ein SUP (StandUpPaddling-Brett) auf dem drei Kinder gleichzeitig sitzen, während ein Jugendlicher auf gleichem Gerät an den Liegeplätzen entlang paddelt. Immer wieder Dinghys (Beiboote), die vom Außenborder angetrieben kreuz und quer ihre Runden zwischen den Ankerliegern drehen. Eine der Motoryachten, die gerade reinkam verlässt nun doch wieder diese Bucht. Jetzt ist es also tatsächlich auch für einen Schweden zu eng.

Ich zähle 14 ankernde Boote. An den Felsenwänden der Schäre, liegen diverse Yachten, wie Perlen auf der Kette. Sie haben den Heckanker geworfen, sich Richtung Fels vorgetastet und zum Schluss vom Bug aus am Felsen selbst festgemacht. Um das Boot zu verlassen, springt man über den Bug von Bord auf die Felsen. Dort wird dann gegrillt und gechillt, sofern das nicht an Bord geschieht. Der Bootssteg ist übervoll, denn einige Boote haben bereits rückwärts an anderen festgemacht.

Mein Nachbar (rechts) mit bunten Fähnchen-Schmuck

Einige Yachten sind mit den bunten Fähnchen des marinen Flaggenalphabets geschmückt, die auf eine Leine aufgezogen sind und vom Bug über die Mastspitze bis hinunter zum Heck des Bootes gespannt werden. Andere haben übergroße Schwedenflaggen im Masttop gehisst. Bei einem der benachbarten Boote läuft schon seit dem Morgen Musik. Nicht zu laut, aber gut hörbar und von der Musikrichtung her allgemeinverträglich. Das Passt.

Das Wasser platscht rechts und links, wenn die Menschen von den Booten aus hineinspringen und ein Wirrwarr aus Stimmen ist zu hören. Von dem was gesagt wird, verstehe ich kein Wort - schwedisch halt.

Angemessen zu diesem Anlass gibt auch das Wetter sein Bestes. Wir haben laut Wetter-bericht gerade 21°C und 25°C beträgt der Tageshöchstwert. Die Sonne scheint am wolkenlosen Himmel bei schwachem Wind aus Süd. Nur am Horizont kann ich Quellwolken erkennen, die werden nur am Nachmittag für leichte Bewölkung sorgen, dass sagt zumindest der Wetterbericht. Letztendlich werden es am Nachmittag 5 Bft, in Böen 6 Bft, gewesen sein, von denen hier in der Bucht nur ein reduzierter Teil ankommt und wen interessiert das an einem solchen Tag schon.

Ja und ich? Ich sitze gerade im Schatten meiner Sprayhood und fühle mich recht wohl. In einer Stunde wird die Sonne soweit herumgewandert sein, dass sie mich hier braten würde. Dann mache ich mich wieder auf den Weg. Wohin, weiß ich noch nicht. Jetzt, 10:47, habe ich erstmal Hunger und mache mir Frühstück. Ich werde den letzten Beutel mit Aufbackbrötchen öffnen. Ich muss mir wohl von Katrin ein Brotbackrezept für ein leckeres Weißbrot schicken lassen - spätestens am Montag.


Nach meinem Frühstück mache ich mich auf den Weg und versuche schon mal ein wenig die heutige Stimmung einzufangen. Na ja, schwierig. Ich möchte ja den Menschen hier nicht zu nahe treten und schon gar keine Detailaufnahmen von Familienfeiern hier im Blog veröffentlichen. Also ist es vielleicht besser, ich versuche es zu beschreiben.

Die Szenerie hier erinnert an einige Spots aus dem deutschen Werbefernsehen. Weniger IKEA als vielleicht "Rügenwalder Mühle" oder auch den einer französichen Käsemarke in der Provence spielend. Das Klischee: Ein überglückliches Familientreffen über drei Generationen. Die Stimmung ist ausgelassen und es wird an einer langen, üppig gefüllten Tafel gemeinsam gegessen, während die Kinden im Hintergrund freudig spielen. Alle sind glücklich.

Dieses Klischee trifft hier tatsächlich irgendwie zu. Wir lösen uns mal von den ganzen Bootsbesatzungen hier in der Bucht. Keine hundert Meter hinter dem Bootssteg sitzt alleine auf der grünen Wiese (augenscheinlich) eine Familie, vielleicht sind auch Freunde dabei, an einer langen Tafel. Rund ein Dutzend Personen. Die Tafel, vermutlich mehrere einzelne Campingtische mit einer langen Tischdecke darüber, voll mit Essen und Getränken. Im Hintergrund spielt peppige Musik zu der einige von ihnen mitjohlen.

Auf einer anderen Wiese haben sich an die 20 Personen zusammengefunden. Sie campen in sechs oder sieben relativ kleinen Igluzelten. Davor der selbe Anblick, wie eben beschrieben. Große Tafel, man ißt, man trinkt und ist offensichtlich guter Laune.

Ich setze meine Runde fort. Auf einem kleinen Fußballfeld räumt man gerade die Tore beseite, während eine kleine Band ihre Gerätschaften für die spätere Veranstaltung aufbaut. Eine Art "Maibaum" liegt ebenfalls geschmückt bereit auf der Wiese und wartet nur noch darauf aufgerichtet zu werden. Interessanter Weise ist im Hafenkrug, dem einzigen Restaurant der Insel zur selben Zeit so gut wie nichts los. Wenn ich schon mal da bin, hole ich mir im benachbarten Kiosk noch eine Eistüte. 

 

Hornklee

Insgesamt mache ich heute wieder gut 7 km Fußweg über die Insel. Natürlich auch über die "Naturstigen" und dort bin ich wieder alleine und höre von all dem Trubel genau nichts. Nach ein paar Minuten Wanderung durch den Wald erschrecke ich mich dann tatsächlich, als ich an einer Klippe hinter einem Busch ein Bein sehe. Ich gehe vorsichtig wenige Schritte weiter. Sitzt da einfach ein Mann auf der Schäre und schaut auf' s Meer hinaus. Beide irritiert, begrüßen wir uns kurz und ich gehe weiter meiner Wege.

 

Ein Rosenkäfer

 

Im Internet las ich von dem Brauch, dass junge Schwedinnen Blumen pflücken gehen. Sieben Sorten sollten es im Idealfall sein, die dann Nachts unter das Kopfkissen gelegt werden. Das sorge dafür, das der richtige Auserwählte demnächst erscheint. Und tatsächlich sehe ich mehrmals auf meiner Runde junge Frauen, die das tun. Also ich meine das Pflücken. Ob der Strauß dann unter das Kopfkissen kommt, weiß ich natürlich nicht.

Frauen generell binden Blumenranken, die dann in der Art eines caesarischen Lorbeer-Kranzes ins Haar gesteckt werden. Zig-fach hier gesehen. Dazu wird dann in der Regel ein weißes oder cremefarbenes, knielanges Kleid getragen.

Hain-Wachtelweizen

Diesen Hain-Wachtelweizen hatte ich ja gerade erst im Blog. Was ich beim letzten Mal erst bei meiner Recherche im Internet feststellte: Die gelben Blüten gehören zur selben Pflanze. Sie blüht also blau und gelb gleichzeitig. Daher bin ich heute noch einmal los, und habe mich um ein besseres Foto bemüht. Da die Blüten allesamt nicht sehr groß sind, gar nicht so einfach.

Ja, und während ich das hier so gegen 17:00 schreibe, ruft es draußen mehrfach laut. Da ich kein Schwedisch kann und mich nicht angeprochen fühle, reagiere ich nicht. Mein Bootsnachbar, also der mit dem Segelboot, tut es. Als ich am Heck dann eine, wenn auch unverständliche Unterhaltung wahrnehme, stehe ich vom Salonsofa auf und schaue mal aus dem Niedergang hinaus. Zwei junge Schwedinnen haben mal eben ganz ungeniert an unserem Heck angelegt ...


So kann man es natürlich auch machen. Aber, interessant, man sucht sich für solche Manöver immer "seinesgleichen". Heck an Heck liegen auch nur die Motorbootfahrer untereinander.


Vor wenigen Minuten hat sich nun doch der Himmel zugezogen und es hat ein wenig geregnet. Jetzt scheint sich die Sonne gerade wieder durch die Wolkendecke zu arbeiten. Also kein Desaster für diesen Feiertag.

Ob hier heute noch viel berichtenswertes oder fotografierbares geschieht, weiß ich natürlich nicht. Daher veröffentliche ich erst einmal was ich habe. Andernfalls kommt noch eine Ergänzung.

 

Bleibt gespannt, ich bin es auch.

Euer Harry









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