Donnerstag, 22. Juni
Ich bin nicht losgesegelt, sondern immer noch hier. Wir haben 12 - 17 kn Westwind, also 4 - 5 Bft. Eigentlich ideale Bedingungen für meine nächste Etappe Richtung Nordost.
Doch es ist voll im Hafen - richtig voll. Im Internet heißt es: Midsommar sei in Schweden gleichbedeutend wie Weihnachten, was den Stellenwert des Festes angeht. Angeblich auch weit wichtiger als beispielsweise der schwedischen Nationalfeiertag am 6. Juni.
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| Panoramafoto, bitte ggf. nach rechts scrollen |
Es heißt, die Schweden würden für das Midsommarfest auch gerne die Städte verlassen, um außerhalb zu feiern. Wenn ich mich hier umschaue, kommt das hin.
Heute ist tatsächlich kein Liegeplatz mehr frei. Auch die Anzahl der ankernden Yachten hat zugenommen. Rund ein Dutzend sind es bereits in der Bucht und mit einer Ausnahme ausschließlich Segelyachten. Weil kein Platz mehr da ist, haben inzwischen die ersten beiden Motorboote rückwärts am Heck anderer Motorboote festgemacht (Foto unten). Das habe ich bisher auch noch nirgendwo gesehen. Der Erfindungsreichtum ist groß, wenn es darum geht, hier dabei zu sein.
Diese Segelyacht kam heute am späten Vormittag an. Schlechte Karten! Bestenfalls findet man noch einen Platz zum Ankern.
Das war dann letztendlich auch der Grund für meine Entscheidung hier zu bleiben. Ich muss damit rechnen, dass ich bis Sonntag in keinem Hafen mehr einen Liegeplatz bekomme.
Parallel muss man natürlich auch noch das Wetter im Auge behalten. Eigentlich wollte ich Montag bei Südwind direkt nach Mariehamn (Hauptstadt des Åland-Archipels) segeln. Seit heute sieht es so aus, das dass wegen der an diesem Tag wechselnden Winde nichts wird. Dienstag zieht ein Sturmtief durch die Region, also geht es Mittwoch weiter? Ich weiß es nicht!
Auf der einen Seite liege ich hier in einer wirklich schönen Bucht und habe jeden Tag Idealtemperaturen. Gut heute mal 26°C, an allen anderen Tagen so um die 20°C. Besser geht's nicht. Das Wasser hat in dieser Bucht, ich habe es heute gemessen, 19°C. Der schwedische Sommer ist da. Außerdem kann ich hier jeden Tag wandern gehen. Perfekt.
Auf der anderen Seite muss es jetzt aber auch langsam mal weiter gehen, damit die, auf dem kürzesten Wege 211 Seemeilen (gut 390 km) bis Helsinki nicht zu einem Gewaltakt werden. Nach Mariehamn sind es gut 60 sm. Von Mariehamn aus, sind es nach Helsinki noch 180 sm (333 km). Mariehamn ist also ein nicht unwesentlicher Umweg, den ich in Kauf nehme, um Nachzubunkern, denn mir gehen Dienstag die ersten Vorräte aus. Zwischen Mariehamn und Helsinki gibt es auf meiner Route keine ernstzunehmenden Einkaufsmöglichkeiten. Genauso wenig wie im hiesigen Umkreis.
Also muss ich das Paradies hier verlassen. Diese Bucht heißt übrigens tatsächlich so.
Würde ich also Mittwoch hier weg- und in Mariehamn ankommen, könnte ich Donnerstag einige Erledigungen machen und am Freitag weitersegeln. Dann blieben mir inklusive Freitag noch fünf Tage für die 180 sm nach Helsinki. Das würde noch gut passen.
180 Seemeilen nach Helsinki sind es aber nur auf dem direkten Wege von Mariehamn. Jeder der hier vermerkten Zwischenstopp-Möglichkeiten erzeugt jeweils noch einen Umweg von rund 10 sm zum Hafen und 10 sm wieder zurück auf die eigentliche Route. Das liegt daran, dass der Åland-Archipel aus über 6.000 Inseln besteht, zwischen denen es ausgedehnte Flachwassergebiete und unzählige Untiefen gibt. Daher gibt es dort nur relativ wenige schiffbare Routen. Entsprechend aufwändig ist die Anfahrt zu den Häfen. Der Seeweg mitten durch ist etwas für unseren Rückweg von Helsinki, denn dazu braucht man Zeit.
Soweit zum aktuellen Stand des Törns und seinen Herausforderungen, die man nicht unbedingt vor Augen hat, wenn man an das schöne Wort Segelurlaub denkt.
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| Kinder beim Spielen am Sandstrand dieser Bucht. |
Oben: Hier wird noch sorgenfrei im Sand gebuddelt.
Es ist 12:00, high noon, und ich mache mich mit meiner obligatorischen Ausrüstung auf den Weg. Die kleinste der drei Inseln Lille Jolpan (also: Klein-Jolpan) ist noch nicht von mir erkundet worden. Das hole ich heute nach.
Insgesamt drei Stunden und 7,3 km bin ich unterwegs. Natürlich sieht es hier nicht völlig anders aus, als auf den anderen beiden Inseln. Eines ist aber anders - Sie ist fast völlig unberührt. Abgesehen vom markierten Pfad und einer kleinen Holzbrücke zur Überquerung eines sumpfigen Teils, ist hier noch alles naturbelassen.
Der Rundpfad beginnt am sogenannten Rezeptions-Haus (unten, gelbes Gebäude). Die falunroten Hütten sind übrigens die Bungalows für die Touristen.
Nach wenigen Minuten erreiche ich diesen Aussichtsturm am nordöstlichsten Teil des Archipels, der wohl noch zu Stora Jolpan gehören müsste.
Oben angekommen, wird man mit dieser wunderschönen Aussicht belohnt ...
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| Panoramafoto, bitte ggf. nach rechts scrollen |
Na, das hat sich doch schon mal gelohnt.
Im Wald trillern auch hier die Buchfinken oder besser der ortsansässige Buchfink, denn mehr als einen höre ich zur selben Zeit nie. Und, ich treffe wie auch an den letzten beiden Tagen, keinen einzigen Menschen. Die bewegen sich ausschließlich auf der "Haupt-Schotterpiste", die vom Fähranleger vorbei an den Bungalows bis zum Yachthafen führt.
Ich denke, alle größeren Schären verfügen hier über drei typische Vegetationszonen, die sich aus dem typischen Aufbau dieser Inseln ergeben.
Dort, wo es auf Meereshöhe flach ist, findet man Sumpfwiesen mit ausgedehnten Schilfbereichen, die dort, wo das Wasser nicht mehr steht in Waldgebiete übergehen. Dort wachsen im Wesentlichen Kiefern, Eichen und Birken. Der Boden ist von Blaubeerbüschen bedeckt.
Dann, in den mittleren Höhen, wo die Granitfelsen die Insel durchziehen, wird es schon deutlich trockener und der Bodenbewuchs wird dünner und man findet die ersten Moose und Flechten.
Oben auf den Schären, wachsen Büsche und Bäume nur noch in den Vertiefungen zwischen den Felsen, dort, wo sich durch verrottendes organisches Material eine dünne Schicht Humus bilden kann. Auf den Felsen selbst wachsen großflächig die sogenannten Rentierflechten.
Die meisten großen Schären sind nicht höher als etwa 30 - 40 Meter.
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| Eine Wald-Wicke |
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| Panoramafoto |
Diese Blüte ist nicht größer als ein Cent-Stück ...
| Sanikel-Kraut (eine Heilpflanze) |
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| Ganz unten: Eine Feuchtwiese |
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| Ganz oben: Flechten und Kiefern |
Dieser Pilz ist ein Gemeiner Schwefelporling. In jungem Stadium soll er gut essbar sein und nach Hühnchen schmecken. Zum Größenvergleich habe ich mal mein Handy dazugestellt. Der Pilz ist extrem dickfleischig. Ich denke da hängen so ca. 1,5 - 2 kg Pilz am Baum. Wenn man ihn berührt, riecht er auch angenehm kräftig nach Pilz.
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| Ein Samsung S7 und ein Gemeiner Schwefelporling |
Nach meiner Wanderrunde schaue ich im Norden von Finnhamn noch am schnell im Tante Emma Laden vorbei. Es gibt einiges an Esswaren, aber nichts was ich so richtig gebrauchen könnte. Eine Tüte voll mit Aufback-Brötchen wäre ein Volltreffer gewesen - leider Fehlanzeige.
Ich begnüge mich dann mit einer Zitrone und einer Daim-Eistüte.
Letztere wird dann gleich mal auf einem gut durchgeheizten Granitfelsen, im Schatten einer Kiefer, mit Blick auf den Fähranleger und die vorgelagerte Bucht, vernascht.
Es ist jetzt gerade 21:35 als ich diese abschließenden Zeilen hier schreibe. In genau einer halben Stunde ist Sonnenuntergang. Für alle hier am Steg verschwindet die Sonne allerdings bereits jetzt hinter den Baumwipfeln der vorgelagerten Schäre IDHOLMEN (siehe Karte ganz oben). Die Sonne geht also fast genau im Nordwesten unter. Auf geht sie aktuell wieder um 03:29 in der Früh. Dazwischen ist es die gesamte Nacht relativ hell.
Die "Weißen Nächte" gibt es damit auch nicht nur in Sankt Petersburg. Sie werden auch in den skandinavischen Ländern so genannt und gefeiert.
Mal schauen, ob es heute abend noch einen Sonnenuntergang gibt, der dieses Blogs würdig ist. 😜
Ein klein wenig Stimmung entsteht bereits heute Abend und es sitzen auch mehr Menschen zusammen auf den vielen Booten hier am Steg. Und alle scheinen die Ruhe zu genießen. Das tue ich jetzt auch.
Ich wünsche eine Gute Nacht.
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| Euer Harry |



















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