Mittwoch, 28. Juli „KRANTAG“
Ich wache gegen sechs Uhr morgens, lange vor dem Klingeln meines Weckers auf. Heute ist Krantag. Um acht soll es losgehen. Eine seltsame Unruhe befällt mich. Kurz nach sieben trinke ich bereits meinen ersten Kaffee im Cockpit.
Die Pfützen der regnerischen Nacht stehen noch auf der Parkfläche. Ari ist mit dicken Wassertropfen bedeckt. Nur die hölzerne Sitzfläche im Cockpit beginnt schon langsam abzutrocknen. Der Himmel ist stark bewölkt und ab und zu kommt die Sonne, die noch tief steht, hervor. Ich mache ein paar Gegenlichtaufnahmen, während ich meinen Kaffee trinkt.
Eine innere Aufregung plagt mich, obwohl ja gerade jetzt alles auf dem Weg ist, wieder gut zu werden.
Auf dem Tisch im Salon habe ich ein paar Dinge bereit gelegt. Mein Portemonnaie, den Fotoapparat, die GoPro, eine Ersatzbrille, ein Taschenmesser, Loctite (Schraubensicherungspaste) und eine angefangene Rolle Küchenpapier. Daneben ein Wasserdichter Beutel in den ich alles reinpacken und mit an Land nehmen werde, denn wenn Ari gekrant am Haken hängt, komme ich an alle diese Sachen nicht mehr heran.
Ari selbst, hatte ich gestern Abend noch zusammen mit Andreas, einem Deutschen Segler, der zwei Plätze neben mir liegt, längsseits gedreht. Andreas hatte ich, weil wir ins Gespräch kamen, zu mir auf ein Bier eingeladen. Noch bis spät abends unterhalten wir uns im Cockpit.
Es ist alles vorbereitet. Um drei Viertel acht ist der Kranwagen bereits da.
Was mich ein wenig wundert ist; es handelt sich um einen LKW mit Kranaufsatz und Ladefläche, so wie er in der Forstwirtschaft zum Beispiel zum Verladen von Baumstämmen eingesetzt wird. Der Fahrer steigt aus. „Good morning“ – „Hey-Hey“ …
„Do you think the crane will be strong enough to lift this boat” frage ich den Fahrer.
“How heavy is the boat” fragt er zurück. Etwas überrascht, das der Verantwortliche für diesen Kran, das Gewicht für die zu hebende Last seines Auftrags nicht kennt, entgegne ich „approximately 9.300 kg“. „Oh – The crane can lift up to ten tons“ ist seine Antwort.
Nah, dann ist ja alles gut, sage ich, während mir gleichzeitig deutliche Zweifel kommen.
Aber eigentlich stört den Fahrer der noch stehende Mast, wegen welchem er den Kranausleger nicht in die richtige Position bringen kann. Sein Chef habe gesagt, er habe bereits Boote dieses Typs mit stehendem Mast gekrant. Offensichtlich ist inzwischen auch der Kranfahrer unsicher geworden. Es erscheint ein Mann von Figeholms Marin. Beide beratschlagen sich auf Schwedisch. Das einzige was ich verstehe ist, dass mehrfach das Wort „Problem“ auftaucht. Man kennt „Problem“ also auch im Schwedischen. Auf seinem grünen dreirädrigen Moped kommt Matthias angefahren. Mit strahlender Mine.
Alle drei beratschlagen sich kurz auf Schwedisch. Der Kranfahrer setzt sein Telefonat mit der Kranfirma fort. Viel zu oft taucht mir das Wort „Problem“ in seinen Sätzen auf. Das Telefonat ist beendet. Die drei reden auf Schwedisch und scheinen sich irgendwie abzustimmen. Dann sagt der Kranwagenfahrer zu mir: „We will need a mobile crane“.
Ach, denke ich nur, was bitteschön hatte ich denn bestellt? Gut, bestellt hatte ich gar nichts, jedoch gegenüber Matthias mündlich und auch in meiner eMail immer wieder von einem Mobile-Crane gesprochen und dabei die zu hebende Last beziffert. Ich kann es mal wieder nicht fassen.
Doch Matthias, wie immer mit strahlender Mine, sagt mir, dass man den Mobilkran gerade beauftragt habe und dieser heute um zehn Uhr hier vor Ort bereitstünde.
Der Kranwagenfahrer steigt in seinen LKW. Es ist kurz nach acht, als er abfährt. Gut eine Viertelstunde nachdem er gekommen war. Mit Matthias verabreden wir uns für zehn Uhr. Schweden sind wirklich lustige Leute.
Um 9:45 steht er dann auf dem Parkplatz vor dem Liegeplatz von Ari. Das ist ein Mobilkran, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
Jetzt habe ich keine Zweifel mehr, dass wir Ari aus dem Wasser bekommen. Weiche Knie bekomme ich jetzt nur noch bei dem Gedanken, was wohl die Kranstunde kosten wird, denn einen Preis hatte Figeholms Marin trotz meherer Nachfragen nicht konkret beziffert. Der Kran ist in Position gebracht. Die Stützen werden ausgefahren, Dann richtet sich der Ausleger das erste Mal auf in die Höhe. Ein imposanter Anblick.
Dann wird die Traverse zusammengesteckt, die über Ketten mit dem Kranhaken verbunden ist.
Unterhalb der Traverse hängen dann vier Nylonschlaufen die unter dem Rumpf von Ari durchgeführt und das Boot gleich anheben werden.
Ein Blick unter den Rumpf bestätigt ... - ... der Propeller ist weg. Die blanke Propellerwelle lukt aus dem Saidrive hervor.
Doch der neue Drehflügelpropeller aus Bremerhaven liegt schon bereit. Gut 12 kg Nitrilbronze - einfach schön anzusehen.
Zuerst wird die Saildrive Nabe auf die Saildrivewelle geschoben. Später wird dann der Propeler auf die Nabe geschraubt und mit 6 Schrauben gesichert.
Doch irgendetwas passt hier nicht. Die Nabe hat axiales Spiel. Viel axiales Spiel. Wir fangen an zu telefonieren. Matthias kennt da jemanden. Der Kranfahrer kennt jemanden. Ich rufe erneut Danny im Urlaub an, um mich zu erkundigen, ob es am Saildrive noch ein Teil gibt, das zusammen mit dem Propeller von der Welle gerutsch sein könnte. Ja, gibt es, ein sogenanntes Adapter-/Distanzstück, etwa zweieinhalb Zentimeter stark. Oh - nein - bitte nicht!
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| Gut, dass es Smartphones gibt ... |
Hier fehlt ganz klar etwas und die gesamte Kranaktion scheint darin zu enden, dass Ari zunächst wieder ins Wasser zurück gekrant wird, wir dann irgendwo das Distanzstück bestellen und nach der Lieferung die gesamte Aktion noch einmal von vorne starten. Ein Horrorszenario.
Matthias fährt kurz mit seinem Moped weg. Zeit, sich etwas zu unterhalten. Ich kommen mit dem Kranfahrer ins Gespräch. Er ist der Chef des Mobilkranunternehmens. Das Unternehmen, inzwischen 40 Jahre alt, hat er vor 10 Jahren von seinem Vater übernommen. Acht Mobilkranwagen nennt er sein Eigen. Wir sprechen über das Geschäft und die Philosophie von inhabergeführten Unternehmen. Nebenbei informiert er mich noch über das Gewicht von Ari. Konkret 10 Tonnen habe er an seinem Haken, Traverse und Zubehör bereits abgerechnet. Damit wäre Ari gut 500 Kilogramm schwerer als von mir angenommen. O.k.!
Die Menge um das Boot wird immer größer. Allgemeines Interesse an unserer Kranaktion entsteht in dem ansonsten sehr ruhigen Ort Figeholm. Ich habe jetzt Gelegenheit, nach den geschätzten Kosten für diese Kranaktion zu fragen. Wenn´s einer weiß, dann der Chef selbst. Rund einhundertfünfzig Euro umgerechnet ruft er je Kranstunde auf. Ich erkläre ihm das ich erleichtert bin und das für gefühlt günstig halte. Ob er den Preis anheben solle? scherzt er. Nein, nein, passt schon.
Eine Viertelstunde später ist Matthias wieder da. Er hat ein kleines Metallteil mitgebracht, das er auf die Saildrivewelle stecken will. Passt noch nicht ganz. Es wird noch einmal nachgemessen. Schon ist er wieder weg, um das Distanzstück, welches wie ein sehr dickes, zweieinhalb Zentimeter kurzes Rohr aussieht, noch einmal auf der Drehbank nachzuarbeiten. Wenn er das hinbekommt, spart er mir viel Geld und Aufregung in den nächsten Tagen. Und er bekommt es hin.
Als er zum zweiten Mal wieder zurück kommt, passt das Distanzstück ohne Spiel auf die Welle und die Nabe ohne Spiel ebenfalls. Der Propeller selbst ist schnell montiert. Ari hängt derweil ja noch am Kran und berührt nur mit einem kleinen Teil des Ballastkiels den Boden. Der Kran hebt Ari erneut an, schwenkt um rund 90° und schon geht es wieder runter ins Wasser.
Schnell sichere ich Ari mit den Festmachern, während die anderen Helfer schon einmal die Nylongurte lösen. Ich starte den Motor und legen den vorwärtsgang im Standgas ein. Der neue Propeller schiebt ganz klar nach vorne. Rückwärtsgang - und die Leine am Bug spannt und dehnt sich. Es hat funktioniert. Alles sieht danach aus, als wäre Ari jetzt wieder voll manövrierfähig.
Mit Matthias stimme ich kurz die Zahlungsmodalitäten ab. Wir vereinbaren, dass ich innerhalb der nächsten Stunde bei ihm bin und im Laden per EC-Karte bezahle. Der Einfachheit halber, stellt er die Rechnung gleich inklusive Krankosten aus. Doch noch bin ich im Hafen und blockiere Teile der Bootstankstelle. Mein erstes Manöver wird das Anlegen an der Mooringboje. Andreas, mein deutscher Bootsnachbar, wir mir dabei von Land aus behilflich sein.
Ari lässt sich mit dem neuen Drehflügelpropeller recht neutral rückwärts an die Mooringboje dirigieren. Schnell den Mooringhaken eingeklickt, Vorwärtsgang und in die Mooringleine eindampfen. Ich gehe zum Bug und werfe Andreas die Landleinen zu. Alles läuft wie ein Kinderspiel. Ari liegt wieder fest in Figeholm, wie sie soll und darauf trinken wir beide dann erst einmal ein Anlegebier.
Später begleiche ich bei Matthias meine Schulden. Rund 950,- Euro kostet mich der Kraneinsatz inklusive der Arbeiten der beiden Männer von Figeholms Marin. Ein fairer Preis finde ich.
Dennoch muss ich, was hier in den letzten zehn Tage gelaufen ist, erst einmal verarbeiten. Ich fühle mich, trotz des heutigen Erfolgs, ausgelaugt und müde. Zu oft folgte in diesen Tagen jedem kleinen Erfolg sofort der nächste Rückschlag. Ein Kneipbad der Gefühle.
Ich laufe zum Boot zurück und räume auf, denn heute erwarte ich noch auf Gerd & Christine. Die Beiden sind bereits in der Nähe auf Urlaub. Wir hatten geplant für einige Tage zusammen auf Törn durch die Schären zu gehen. Aufgrund des Propellerverlustes hatte sich das Vorhaben zunächst erledigt.
Doch kaum bin ich zurück an Bord, klopft es auch schon ans Boot. Es wird eine sehr unterhaltsame zweite Tageshälfte, die mir die nötige Ablenkung bietet und mich wieder auf andere Gedanken bringt.




















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