Donnerstag, 15. Juli
Um acht Uhr stehe ich auf. Leichter Seenebel liegt über dem Kalmarsund und hüllt die Kalmarsundbrücke in einen zarten Schleier. Ich möchte dieses Schauspiel genießen und setze mich einem Kaffee ins Cockpit. Einfach nur schauen. Vor mir steht in großen Lettern KALMAR an der Hafeneinfahrt. Ein Segelboot fährt gerade in den Vorhafen ein. Kunstkenner würden jetzt vermutlich von einem pittoresken Anblick sprechen. Ich find´s einfach schön.
Der Seewetterbericht verspricht ab etwa 13:00 Wind aus Ost mit 5 Knoten (2 Beaufort), ab Nachmittag dann 6 Knoten aus Südost. Mit 5 Knoten aus Ost würde ich noch gerade so segeln können, da ich mit nördlichem Kurs in etwa Halbwind hätte, am Nachmittag hingegen wird es seglerisch für die schwere Ari eng. Mal sehen. Ich werden also gegen 12:00 Uhr starten, unter Motor durch die Brücke oder besser unten durch. Nördlich dieser sollte ich dann segeln können.
Bis dahin habe ich noch einige Erledigungen auf meiner Liste, die ich ganz entspannt angehen kann. Also gehe ich noch einmal Einkaufen. Kardamonknuts und ein Flanksteak zum Mitnehmen. Die gibt es hier anscheinend nur bei Hemköp, das am weitesten weg ist. Egal, sprach ich nicht davon, wie sehr Segler unter Bewegungsmangel leiden? Der Filter der Duschpumpe bedarf ebenfalls der Reinigung. Das ist schnell gemacht, jedoch auch alle vierzehn Tage nötig.
Dann noch den Wassertank im Bug auffüllen. Während das Wasser läuft, bringe ich den Müll weg. Das ist Multitasking für Männer.
Dann bereite ich schon einmal das Ablegemanöver vor. Da ich dicht an einem Fähranleger liege, bedurfte es fünf Festmachern (Halteleinen) bis Ari fest lag, ohne bei Welle stark zu Rucken und eine Fähre macht ordentlich Welle.
Ich überlege also, auf welche Festmacher
ich ganz verzichten kann und welche nur für das Ablegemanöver neu belegt werden
müssen. Das gestaltet sich insoweit interessant, als das die Fähre gerade
angelegt hat, ich aber nicht weiß, wann genau sie wieder ablegt … - … und Welle
macht. Irgendwann habe ich mir eine brauchbare Reihenfolge des Leinentauschs
ausgedacht um umgesetzt. Die Fähre fährt in dieser Zeit nicht ab und so habe
ich ein entspannt-perfektes Ablegemanöver. Im Vorhafen hole ich noch die Fender
ein und klariere die Leinen. Kurz nach zwölf geht es los.
Unter Motor geht es unter der Brücke durch. Der Blick nach oben ist immer wieder spannend. Ob der Mast drunter durch passt? Na klar – die Durchfahrtshöhe ist mit 34,9 Metern angegeben. Ari hat eine Masthöhe von 18,5 Metern über der Wasserlinie. An Deck stehend wirkt das immer recht knapp und täuscht damit aufgrund der Perspektive gewaltig.
Da das Wasser aus dem Norden gerade durch den Kalmarsund nach Süden abfließt, habe ich an der Engstelle unter der Brücke einen Gegenstrom von 1,3 Knoten. Das bedeutet, Ari fährt mit einer Geschwindigkeit von beispielsweise 6,3 Knoten durch das Wasser – kommt nach GPS aber nur mit 5 Knoten Geschwindigkeit voran. Daher unterscheidet man nautisch die Begriffe „Fahrt (i. S. v. Geschwindigkeit) durchs Wasser“ und „Fahrt über Grund“. Die Fahrt (Geschwindigkeit) durchs Wasser misst die sogenannte Logge, ein winziges propellerartiges Rad unter dem Bug. Die Fahrt (Geschwindigkeit) über Grund wird über GPS gemessen und vom Plotter angezeigt.
Der Windmesser auf der Mastspitze zeigt mir eine Windstärke von einem Knoten an. Das ist praktisch Flaute (Windstille). Trotzdem kommen mir Segelyachten entgegen, die zum Teil volle Segel, zum Teil nur das Großsegel gesetzt haben.
![]() |
| Unten rechts: 1,0 Knoten Wind! |
![]() |
| Der macht es genau richtig - Motor an und durch. |
![]() |
| Der fährt zwar unter Motor, hat aber zum Schein das Großsegel gesetzt |
![]() |
| Der macht es am besten. Motorfahrt und dabei die Wäsche getrocknet. 👍 |
![]() |
| Hier hatte ich gerade noch gefilmt, wie er gerade das Vorsegel einrollt. |
Selbst das sportlichste Regattaboot mit aller Hightech Ausrüstung, die man sich vorstellen kann, ist nicht in der Lage bei einem Knoten Wind zu segeln.
Frage: Warum trifft man dann auf dem Wasser des Öfteren Yachten, die ihre Segel dennoch gesetzt haben?
Erklärungsversuche:
a) - Die Segel haben Stockflecke oder sind vergilbt – die Sonne bleicht sie wieder.
b) - Der Skipper kommt aus einem Regengebiet und möchte die Segel nicht nass einrollen.
c) - Der Segler hält die Strömung in der er sich befindet für Windkraft und ist überwältigt das seine Yacht kurz vor der Kalmarsundbrücke bei nur einem Knoten achterlichem Wind 1,3 Knoten schnell fährt und damit schneller ist als der Wind, der sie antreibt. Ein physikalisches Paradoxon, wenigstens was einen Vorwindkurs betrifft.
Antwort: Ich weiß es nicht. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, der mir bekannt wäre.
Interessant ist, dass einige dieser Segelyachten sich relativ schnell auf dem Wasser bewegen. Ergo – sie fahren zusätzlich unter Maschine.
Eine Rechenaufgabe:
Du hast 1 Knoten Rückenwind und Deine Segel voll geöffnet.
Gleichzeitig fährst Du unter Maschine, sagen wir 4 Knoten schnell.Was ist das Ergebnis?
Nun, das Ergebnis ist, das die gesetzte Segelfläche mit der Windkraft von 3 Knoten die Vorausfahrt bremst. Das ist wie Autofahren mit angezogener Handbremse, nur eben bei vielen Seglern ganz normal. Ja Katrin, ich weiß ich soll mich nicht aufregen – daher Themawechsel.
Am frühen Nachmittag knallt die Sonne unbarmherzig ins Cockpit. 26° Celsius beträgt die offizielle Höchsttemperatur für diesen Tag. Im Cockpit messe ich im Schatten hinter dem Steuerstand 32° Celsius. Ich trage ein Poloshirt und habe, damit ich nicht verbrenne, ein langärmeliges Hemd darüber gezogen. Dazu Shorts. Das soll sich noch rächen. Ab und zu setze ich mich auf die unterste Stufe am Heck und lasse die Beine ins Wasser baumeln, um abzukühlen. Baumeln trifft hier eigentlich gar nicht zu, denn bei einer Bootsgeschwindigkeit von rund 6 Knoten (gut 11 km/h) ist der Widerstand der Unterschenkel im Wasser so hoch, das ich bei jedem Mal runterdrücken meinen Beinbizeps, wie an einer Hantelbank trainieren kann. Eine gute Überleitung, denn ich fahre immer noch unter Motor. Der Ostwind mit fünf Knoten kommt nicht und das wird sich auch bis zu meinem Ziel nicht ändern
![]() |
| Bei Wasserski fahren kann man es vermutlich gut aushalten |
Mein Plan: Ich möchte in den Hafen von
Sandvik, Öland, und mir bei der morgigen Flaute die dortigen Fossilen am Strand
anschauen.
Kurz bevor ich den Hafen Stora Rör auf Öland erreiche sehe ich mehrere Segelboote. Wind – schießt es mir durch den Kopf. Tatsächlich nimmt der Wind jetzt langsam zu. Statt aus Ost weht er mit 4,5 – 6 Knoten aus Nord und die Segler die ich sah kreuzten vermutlich nur vor dem Hafen hin und her über den Sund. Weiter nördlich bin ich wieder das einzige Segelboot auf Sichtweite. Schade!
![]() |
| Marina Stora Rör |
Hatte ich schon gesagt: „Die Sonne brennt … „
Ich bin geneigt schon in den Hafen Borgholm einzulaufen. Das wären nur noch vier Seemeilen. Doch Borgholm ist abgesehen von seiner Burgruine, die ich schon kenne, nicht besonders spannend. Außerdem ist morgen Flaute – Fossilien – Sandvik … das sind noch 17 Seemeilen und das Tablet avisiert mir eine Ankunft um circa 17:30. Ich fahre weiter.
![]() |
| Burgruine Borgholm |
Um 14:58 habe ich die Burgruine Borgholm querab an Steuerbord.
![]() |
| Marina Borgholm |
Seit einiger Zeit nutze ich die Pütz (Allzweckeimer an Bord von Schiffen), um das mit 21° relativ kühle Seewasser ins Cockpit zu schütten. Das macht das Stehen auf dem Teakboden erträglicher, denn ich stehe hier barfuß. Barfuß an Bord kann ich eigentlich gar nicht leiden, weil es noch niemand den ich kenne geschafft hat, mehrere Stunden an Bord einer Segelyacht barfuß zu gehen ohne sich eine ernsthafte Verletzung zuzuziehen. Aber hier muss ich zwischen den Übeln abwägen und entscheide mich ausnahmsweise entgegen der Vernunft
Ich nähere mich meinem Ziel Sandvik. Beim Zoomen in die Seekarte des Plotters entdecke ich ein Boot, das dort vermutlich ankert. Per AIS kann ich den Schiffsdaten entnehmen, dass es sich um eine 16 Meter Segelyacht handelt. Der Ankergrund ist mit Cy angegeben. Nah, aufgepasst? Richtig – Ton-/Lehmboden, ein guter Ankergrund. Die Ankertiefe beträgt etwa acht Meter, allerdings fällt der Meeresgrund hier recht steil auf gut 30 Meter Tiefe ab. Der Nordwind würde mich nur entlang der Küstenlinie vertreiben. Okay, was die können kann ich auch. Ich entscheide mich spontan, drei Seemeilen südlich von Sandvik in einer langgezogenen Bucht zu ankern. Der Anker fällt bei 7,5 Metern; ich gebe 32 Meter Kette, fast ein bisschen wenig, aber ich habe ein ganz gutes Gefühl. Bis ans Ufer sind es schätzungsweise 150 Meter. Der Strand ist gut von Badenden besucht.
Kinder kreischen vor Freude, während Sie von einem Steg ins Wasser springen. Ein Mädchen versucht Ihren Vater auf einem SUP stehend einige Meter entfernt an Ari vorbei zu paddeln.
Drei, Vierhundert Meter nördlich, die andere Yacht.
Zu Essen gibt es heute 360 g Flanksteck mit gebratenen Worchester-Zwiebeln (Worchester is correctly pronounced: "Wuster") und Butterreis. Guten Appetit ...
Es soll ein phantastischer Abend werden.
Noch um halbzehn sitze ich, nur im Slip bekleidet und mit einem Hefeweizen auf
dem Tisch im Cockpit und genieße. Der untere Rand der Sonne berührt gerade den
Horizont. Da das Schwedische Festland auf der gegenüberliegenden Seite so weit
weg ist habe ich den Eindruck, die Sonne würde im Meer versinken. Hinter mir am
Strand kreischen immer noch die Kinder, doch das stört im Augenblick überhaupt
nicht. Ein Naturschauspiel nimmt seinen Lauf.
Anmerkung: Keines der Fotos auf denen Sonnenuntergänge zu sehen sind, ist in irgend einer Art und Weise nachbearbeitet. Die Panasonic Lumix DMC-FZ 300 mit der ich diese Aufnahmen gemacht habe, befindet sich in Neutraleinstellung.
Wegen der Ankertiefe von acht Metern hatte ich keinen Ankerball ausgelegt, weil ich keine vorbereitete Leine mit dieser Länge besitze. Daher fehlt mich zur Kontrolle das Gefühl, wo der Anker liegt. Es herrscht Windstille und Ari Treibt über dem Anker langsam hin und her.
Gegen 22:30 beschließe ich schlafen zu gehen. Ab unter Deck. Wie jeden Tag schlafe ich ein, sobald mein Körper die Matratze berührt.






























Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen