Samstag, 10. Juli
Um 01:50 wende ich kurz vor dem Ausgang des Verkehrstrennungsgebietes, welches sich südöstlich von Öland befindet. Der Wind kommt aus NNE mit 9 kn (3 Bft.). Ich schaffe, wegen der Welle, hart am Wind, einen Kurs von 320° bei durchschnittlich 5,5 kn. Es regnet immer mal wieder, doch bei noch 20° Außentemperatur ist das nicht besonders unangenehm. Das Ölzeug hält gut dicht, nur meine Brille muss ich ab und zu abwischen, damit ich die Daten auf den Instrumenten, speziell den teilweise sehr kleingeschriebenen Daten auf dem Plotter, noch ablesen kann.
Auf der Strecke zwischen dem Start auf Tjärö und dem Ziel Kalmar habe ich mit geloggten 44 sm jetzt etwa 40% der heutigen Gesamtdistanz geschafft. Alles hängt jetzt davon ab, wie oft ich kreuzen muss, um im Kalmarsund nach Nordosten zu kommen. Kalmar liegt genau dort, wo der Wind herkommt. Doch das Schicksal meint es gut mit mir und so dreht der Wind in den kommenden Stunden langsam im Uhrzeigersinn. Um 06:00 notiere ich im Logbuch einen Kurs von 008°, um 09:00 dann 015°. So fahre ich seit der letzten Wende von 01:50 in einem großen Bogen, der mich immer weiter auf direktem Wege nach Norden führt. Im Augenblick kann ich mit Kurs 015° Kalmar direkt ansteuern. Das hat zu Folge, dass ich schneller dort bin als geplant. Ein Liegeplatz ist für eine Ankunft ab 12:00 reserviert. Ich bin zu schnell, schießt es mir durch den Kopf. Also hole ich das Vorsegel, die Genua, ein, die aufgrund des inzwischen raumen Windes sowieso nicht mehr gut steht und seit einiger Zeit immer wieder flattert. Damit ich noch mehr Fahrt verliere, wird die Getriebeschaltung in den Rückwärtsgang gestellt, damit der Propeller, der bei mir beim Segeln grundsätzlich frei dreht, angehalten wird. Der hierdurch erzeugte Widerstand im Wasser kostet mindestens 0,5 kn Fahrt. Ein Blick auf mein Tablet, welches die von mir vorgegebene Route aufzeichnet, verrät mir die neue Ankunftszeit. Diese pendelt so um 11:20 plus minus etwa 10 Minuten. Das geht in Ordnung, denn ich muss im Hafen noch die Segel einholen und das Boot zum Anlegen vorbereiten. Vielleicht ist ja der reservierte Liegeplatz auch bereits leer, so dass ich ihn auch schon früher nutzen kann.
Die letzten Meilen, ja Stunden, ziehen sich, nicht zuletzt wegen der reduzierten Fahrtgeschwindigkeit, sondern auch, weil ich seit über 24 Stunden auf den Beinen bin und damit auch todmüde. Das ist nun mal der Preis, den man für Nachtfahrten zahlt. Die Müdigkeit nagt besonders an einem, wenn nicht viel an Bord zu tun ist. Das ist seit der letzten Wende der Fall. Ich bin der einzige Segler weit und breit. Die ganze Nacht sah ich kein Segelboot. Weder mit freiem Auge, noch ein AIS-Signal eines Segelbootes auf dem Plotter. Nur einige Frachtschiffe, die in der Nacht die Route um Öland genommen hatten. Hier im Sund überholte mich am frühen Morgen ein Kriegsschiff der schwedischen Marine; später kam mir noch ein Containerschiff entgegen. Zwei Schiffsbegegnungen in sechs oder sieben Stunden. Also kämpfe ich gegen den Schlaf und male mir schon in Gedanken aus, wie ich anlege und mich anschließend sofort in meine Koje lege.
In der Ferne sehe ich jetzt bereits die Kalmarsund-Brücke und einige größere Gebäude im Hafen schemenhaft. Auf See bedeutet das, je nach Sichtverhältnissen, 10 oder 15 Seemeilen Entfernung. Bei einer Geschwindigkeit von rund 5 Knoten (also 5 Seemeilen pro Stunde), benötige ich demnach drei Stunden, um ein 15 Seemeilen entferntes Objekt zu erreichen! Als dann irgendwann bereits das dem Hafen vorgelagerte Kalmar Schloss zu erahnen ist, beschließe ich als Maßnahme gegen die Müdigkeit, bereits jetzt mit den Vorbereitungen für das Anlegen zu beginnen. Das würde Katrin jetzt auch bestimmt machen, geht mir durch den Kopf. Also Festmacherleinen und Fender aus den Backskisten holen. Dann die Leinen klarieren und an der Bug- bzw. Heckreling befestigen. Die Fender ans Geländer, nein, an den Seezaun geknüpft, aber noch auf Deck liegend. Weil ich aus Erfahrung weiß, dass in Kalmar fast alle Liegeplätze mit einer Mooringtonne ausgestattet sind, bereite ich alles für das Manöver – Anlegen an einer Mooring – vor. Perfekt, denke ich.
Als ich das Schloss und die Außenanlegen des Hafens passiere, freue ich mich, dass ich aufgrund des günstigen Windes bis in den Vorhafen segeln kann. Das passiert einem wirklich nicht oft. Als Depressiver mit Testat registriere ich im Sinne der Psychohygiene noch einmal den positiven Verlauf des Törns. Abgesehen von dem zu Törnbeginn auftretenden Fehler am Plotter, welcher Phasenweise sein GPS-Signal verlor und damit orientierungslos war, ist mein Fazit positiv. Der Wetterbericht hatte gestimmt und es war mir gelungen, meinen Törn in ein winziges Wetterfenster zu legen, das es mir ermöglichte, die Gesamtdistanz zu durchsegeln; ein ursprünglich vorhergesagtes Starkwindgebiet war ausgeblieben und zuletzt hatte der Wind noch in für mich günstiger Richtung gedreht, als es für mich wichtig war. Das war ein gelungener Törn.
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| Einfahrt in den Hafen von Kalmar |
Doch erfahrene Segler warnen: „Lobe nie den Törn vor dem Anleger!“, was sich eigentlich darauf bezieht, dass bei einem Anlegemanöver so einiges schief gehen kann. Im Weiteren musste ich in diesem Hafen sogar drei Anleger machen – alle, trotz einhand, perfekt (für meine Verhältnisse). Schief gingen hier ganz andere Sachen, womit meine kurze Glückssträhne endete.
Wir erinnern uns, ich bin todmüde und alles was mich gerade am Leben erhält, ist die Aussicht auf ein kurzes Anlegemanöver und einen langen, tiefen Schlaf im direkten Anschluss. Ich müsste nicht mal mehr ins Hafenbüro, denn der Liegeplatz war bereits online bezahlt. Danke Katrin!
Bei der Buchung hatten wir die Bootsgröße zentimetergenau angegeben. Sogar nach dem Tiefgang wurde gefragt. Ein Hafenplan gab die Möglichkeit, sich unter den freien Liegeplätzen einen Platz auszusuchen, dessen Standort zumindest in etwa ersichtlich war. Da ich den Hafen recht gut kenne, zuletzt war ich 2019 hier, war mir aufgrund des Buchungslageplans klar, wo ich den Liegeplatz Nummer 9 finden würde.
In Schleichfahrt fahre ich die Boxengasse entlang und bemerke, dass alle Mooringbojen, hier ausnahmsweise mal in blauer Farbe, zweistellige Liegeplatznummern haben. Eine Nummer 9 finde ich nicht. Allerdings auch kein Hinweis auf „Dockspot“-Liegeplätze die einem aufgrund der Hafenwerbung sonst überall leicht ins Auge fallen.
Okay, fahre ich noch eine Runde vom Vorhafen bis zu den Liegeplätzen. Vielleicht hatte mein Liegeplatz ja auch die Nummer 09 und ich hatte das nur übersehen. In kleinster Fahrt mache ich meine zweite Runde. Ich finde Liegeplätze von 14 bis 98 oder 99, Ich finde Liegeplätze ohne Nummer für Yachten, ich finde Liegeplätze ohne Nummer für die Großschifffahrt und an einem dieser mache ich jetzt fest. Es ist ein Freilager mit entrindeten Baumstämmen im Bereich des Vorhafens, wo ich an den bereits zur Dämpfung des Anpralls angebrachten Traktorreifen, an einem riesigen Berufsschifffahrts-Poller, festmache.
Ich zücke mein Mobilgerät und öffne die per eMail eingegangene Reservierungsbestätigung. Dort ist auch eine Service Telefonnummer von Dockspot hinterlegt. Diese Telefonnummer enthält die Auslandsvorwahl von Schweden und ist blau unterstrichen. Ja, denke ich mir, wenn die das gut gemacht haben, musst du nur den Link anklicken und der Anruf läuft. Fast richtig. Ich drücke drauf, die Nummer wird angewählt. Wenige Sekunden später verrät mir eine freundliche Damenstimme einer automatischen Ansage, dass diese Telefonnummer nicht existiert und ich mich nach der korrekten Nummer erkundigen solle. Als ich mir die Rufnummer noch einmal anschaue stelle ich fest, dass hier „46“ als Landesvorwahl für Schweden, jedoch ohne „00“ oder „+“ angegeben war. Das kann nicht funktionieren. Das sind ja echte Profis, denke ich mir, während ich die Telefonnummer inklusive der Nullen in mein Mobilgerät eintippe. Es erscheint im Display und in deutscher Sprache der Text: Caravanstellplatz Öland – Es klingelt …
Auf Schwedisch (schreibt man das neuerdings groß?) begrüßt mich eine junge Frau. Als sie ihren Standardtext zu Ende gesprochen hat, erkläre ich Ihr auf Englisch wer ich bin und das ich „a reservation for a berth over dockspot.com“ habe und „the reservation number is 9, but I can`t find a berth with this number in Kalmar Habour“. Sie erklärt mir, dass diese Nummer für einen Liegeplatz auf der rechten Seite, ziemlich weit vorne im Hafen, vergeben worden sei. Vorsichtshalber erläutere ich ihr noch einmal meinen derzeitigen Standpunkt, um sicher zu gehen, dass wir auch beide dieselbe Sicht von vorne und hinten, rechts und links haben. At the Moment I´ am fixed in the opposite side of the patrol station and I´ am looking into the yacht harbour. Where approximately is the mooringbuoi no. 9”? Sie erklärt mir, dass sich die Nummer 9 gleich am Beginn der Liegeplätze auf der rechten Seite befinde, wo auch ein Hotel sein.
Ich bedanke mich für die freundliche Auskunft und Sie versichert mir, dass ich gerne zurückrufen kann „If I would have any problems“. Und ich werde zurückrufen – weiß es zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht.
Ich lege wieder aus dem Holzlager ab und fahre die Boxengasse entlang. Rechts …- … sind ein paar blaue Moorings, die mit Nummer 15 aufsteigend beginnen, daneben nur rund ein Dutzend kleiner Fingerstege. Gut, die können es nicht sein. Zu klein für Ari. Und so führt mich meine Runde zum dritten Mal durch den gesamten Yachthafen. Die ersten Yachties beginnen sich augenscheinlich für mich zu interessieren, doch die Distanz ist mir zu weit um rüber zu brüllen, „if anybody knows where the damned buoi number 9 is“.
Auf dem Weg zurück in den Vorhafen fahre ich noch einmal zu den blauen Mooringbojen und denke mir „Wo eine 15 ist, kann doch die 9 nicht so weit sein“ und fahre noch ein Stück näher an den Bereich heran, wo auch die kleinen Fingerstege sind. Der Äußere trägt auf seinem orangefarbenen Schwimmer eine kleine „01“ und daneben „02“ und so weiter. Doch Grund zur Freude gibt es nicht. Denn weitere vier Dinge fallen mir auf:
1. Die Zufahrt zu diesen Stegen ist sehr eng,
2 Der gerade aufbrisende Wind drückt mich genau in die Gasse,
3. Die Liegeplätze wirken ziemlich schmal und der Knaller,
4. Beim groben durchzählen der Boxen aus der Ferne ist mir klar,
die Nummernfolge 6, 7, 8, 9, 10 ist komplett mit Booten belegt.
Ich lege den Rückwärtsgang ein und ziehe Ari aus der engen Gasse bevor der Wind mich vertreibt. Nochmals fahre ich in den Vorhafen. Es ist gerade erst 12:00. Vielleicht fährt der Skipper der deutschen Yacht, die meinen Liegeplatz blockiert ja gleich weg. Ich beschließe erneut an dem Freilager mit Baustämmen festzumachen, das ja direkt gegenüberliegt. Dort erneut provisorisch mit einer Leine auf der Mittelklampe festgemacht, überlege ich. Wie kann ich von hier zu Fuß zu meinem Liegeplatz Nr. 9 kommen? Ich müsste Ari an einem Pier, an dem ich eigentlich gar nicht festmachen darf, zurücklassen, quer durch das Freilager in Richtung Stadt laufen, wobei nicht mal klar ist, ob ich das umzäunte Freilager überhaupt verlassen kann. Und auch wenn ich es könnte, ist überhaupt jemand an Bord der anderen Yacht? Langsam aber sicher wandelt sich meine Müdigkeit in Dampf, der den Kessel bald zum Platzen bringt. Egal, irgendwie komme ich durch die schmale Boxengasse und kann dann vielleicht von hinten zur Yacht hinüberrufen. Vielleicht ist jemand da.
Ich starte erneut den Motor, lege ab und fahre die vielleicht 200 m quer durch den Hafen, rein in die enge Boxengasse, scheiß was auf den Rückenwind. Ich achte sogar noch darauf, welche Drehrichtung der Saidrivepropeller hat, damit mich beim Rückwärtsfahren der Radeffekt nicht in die „falsche“ Richtung zieht. Ari lasse ich leicht quer zur Boxengasse laufen, so ziehe ich beim rückwärts Aufstoppen erst mal nur gerade. Als ich die ersten Fingerstege passiere kann ich jetzt aus der Nähe erkennen, dass auch Boxenbreiten angegeben sind. Die Bewegen sich in zwischen 3,6 m und 4,3 m. Nummer neun, so stelle ich dann fest, hat ganze 3,8 m Breite. Bei der Buchung hatten wir unter anderem auch die Bootsbreite angeben müssen. 3,97 m dazu kommen, das weiß jeder der mit Booten zu tun hat, sollte man meinen, der Durchmesser der Fender, die zum Schutz zwischen Boot und Fingersteg gehängt werden müssen. Also rund 4 Meter Bootsbreite Plus zweimal 30 cm für die Fender, macht eine Mindest-Boxenbreite von 4,60 m.
Das Dockspot.com System hatte uns aber trotz unserer angegebenen Bootsdimension diesen Platz als Option angeboten. Was für ein Schildbürgerstreich! Was für Dilettanten heute über das Internet Geschäfte betreiben. Nutz alles nichts, Rückwärtsgang rein und gegen Wind und Welle raus aus der Boxengasse.
Schon vor einer Weile ging mir durch den Kopf: „Hätten wir bloß nicht reserviert, dann hätte ich mir auf der Außenseite des selben Bootssteges einfach einen Liegeplatz genommen“. So war bereits bezahlt. Was tun? Die Liegeplatzlücke, die ich meinte, war noch da. Genauer gesagt ein Längsseitsanleger mit einer Länge von geschätzt nicht viel mehr als 12 Metern, also unwesentlich größer als unsere Bootslänge, wie gesagt geschätzt! Meinem nochmals gestiegenen Dampfdruck entsprechend entschied ich, das Ding (Ari) jetzt irgendwie in diese Lücke zu nageln. Das war mir in Klintholm auch schon einmal unter ähnlichen Bedingungen gelungen. 50 cm vorne und hinten reichen, wenn alles gut geht.
Doch vorher muss noch einmal alles für das längsseits Anlegen umgerüstet werden. Hinten, Mooringhaken runter, anderer Festmacher ran; einen kurzen Festmacher auf die Mittelklampe. Letzterer muss beim Einhand-Festmachen erst einmal alles halten. Als ich den Steg anfahre, sieht mich bereits ein benachbarter Motorbootfahrer und humpelt, anscheinend leicht lädiert, von einer Kinder-Geburtstagsfeier herbei und macht mir die Leinen fest, die ich ihm nur zuwerfen muss. „Thanks a lot, great job“! Rufe ich ihm zu. Er nickt freundlich und vielleicht auch mit etwas Anerkennung für dieses Anlegemanöver.
Kaum sind die Festmacherleinen von mir noch einmal kontrolliert, suche ich mein Opfer. Nur noch einmal von der Landseite aus kontrollieren, welche der Yachten auf dem Liegeplatz Nr. 9 liegt. Es ist die einzige mit deutscher Flagge, hatte ich es doch vorhin von schräg hinten richtig gesehen. Mit ein paar kräftigen Knöchelhieben meiner Faust gegen den Bug der Yacht mache ich mich bemerkbar. Sekunden später kommt ein älterer Mann den Niedergang hoch. „Ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie auf einem Liegeplatz liegen, der seit rund einer Stunde neu vermietet ist. Nämlich an mich, setze ich noch nach“! Er antwortet: „Nein, sollte ich“? Wahrscheinlich wegen meiner verdutzten Mimik fügt er freundlich hinzu, dass er seit Tagen hier liege und keinen Hinweis sehen würde, dass das nicht erlaubt sei. Sehen Sie hier irgendeinen Hinweis, fragt er zurück. Nach einer Schaltsekunde erwidere ich: „Sie haben Recht – Sie sind entschuldigt“! Keinerlei Hinweis. Weder auf Dockspot Liegeplätze, noch auf die Notwendigkeit einer Reservierung. Danach unterhalten wir uns noch eine Weile über das Thema Reservieren von Liegeplätzen. Eine Liegeplatzreservierung würde seiner Meinung nach so überhaupt nicht zur Philosophie des Segelns passen. Ich erkläre ihm meine besonderen Beweggründe (denn ich hoffe in dem hier ansässigen Yachtbedarf eine externe GPS-Antenne zu finden, um mein Plotterproblem zu umgehen. Da hier in der Hochsaison oft keine Liegeplätze mehr frei sind, musste ich durch die Reservierung sicher gehen, einen zu bekommen) – er stimmt zu. Dann zerreißen wir uns noch beide das Maul über Dockspot.com, mit denen er selbst noch keine Erfahrungen gemacht, aber schlechtes gehört hat. Alleine die Tatsache, dass er diesen Liegeplatz für 270 SKR inklusive Strom hat, welcher bei Dockspot 350 SKR ohne Strom kostet, ist es Wert, diesen Service einmal zu hinterfragen. Wobei – welcher Service? Er hat den Liegeplatz, nicht ich.
Ich rufe erneut die junge Dame vom Caravanstellplatz Öland alias Dockspot an und mache ihr mit leicht verärgerter Stimme klar, dass ich „very disappointed“ bin und erkläre ihr die Situation. Okay, „deeply disappointed“ wäre der korrekte Superlativ gewesen.
Sie erwidert, dass, sofern ich mit meinem neuen Liegeplatz zufrieden bin, diesen gerne nutzen dürfe. Da ich merke, dass Sie weder Ahnung von Booten hat, noch das Unternehmen Dockspot direkt vertritt, gebe ich auf und lasse die Sache zunächst auf sich beruhen. Dennoch beschäftigt mich die, soll ich es Naivität nennen, wie hier mit dieser Sache umgegangen wird? In Italien, Griechenland oder Spanien, hätte ich aufgrund der Mentalität eher mit einem „tranquilo“ gerechnet, aber in Schweden? Im Wasahamn, Stockholm, nimmt der sogenannte Habour Captain (was für ein Titel) es sehr genau, wer in welcher Dockspot-Box liegt, es sein denn ein Schwede liegt drin, obwohl ein Deutscher reserviert hat. Aber das ist eine andere Episode zum Thema Dockspot.com, die wir erleben mussten.
Meine Müdigkeit ist inzwischen dem Ärger um diese Angelegenheit gewichen. Ich beschließe jetzt nicht in die Koje, sondern erst einmal in die Stadt Kalmar zu gehen. Mir den Ärger aus dem Bauch zu laufen und nach einem Supermarkt Ausschau zu halten. Nach kurzer Zeit finde ich ein Hemköp, wo ich mir erst einmal 4 Kardamonknut (eine Art Zuckerschnecke, die mit Kardamon gewürzt ist – sehr lecker) und ein ordentliches Flanksteak kaufe, um mich in eine bessere Stimmung zu bringen.
Am Nachmittag komme ich mit meinem Einkauf zurück an Bord. Dort gönne ich mir zwei der Kardamonschnecken und lege mich dann gegen 16:00 in die ersehnet Koje. Ich schlafe sofort ein. Wenig später klopft es ans Boot. Eine Bedienstete des Hafens will das Liegegeld kassieren. Sie spricht perfektes Deutsch. Provokant sage ich: „Wir haben bei Dockspot bezahlt, mein Liegeplatz dort drüben ist besetzt, daher liege ich hier“! Ich erwarte einen Dissens mit der Begründung, wenn Sie über Dockspot buchen, müssen Sie auch dort liegen oder ähnliches. Doch sie fragt nur nach dem Namen, checkt ihre Liste, 2 Tage? Ich bestätige, sie gibt mir einen Anhänger als Zahlungsnachweis, den ich an der Reling befestigen soll und wünscht mir einen schönen Aufenthalt.
Hallo? Ich hatte einen Liegeplatz gebucht. Dieser ist erstens besetzt und zweitens zu klein! Ob ich mit meinem Liegeplatz nicht zufrieden sei? – Doch schon! „Bei uns kann sich jeder seinen Liegeplatz aussuchen“ erwidert sie freundlich und in einer fast schon naiven Selbstverständlichkeit. Sie verabschiedet sich und geht zum nächsten Boot.
Ich bin fassungslos. Die Suche nach dem Liegeplatz hat einschließlich der Nachfragen rund eine Stunde gekostet. Wozu reserviere ich einen Liegeplatz, wenn im Zweifel jeder ihn nutzen darf. Das führt das gesamte Reservierungsprozedere objektiv ad absurdum. Dieses System kann nicht funktionieren, doch es wird hier so praktiziert und niemand stört sich daran?
I´am depressed and deeply disappointed!

Die Trackaufzeichnung von Tjärö nach Kalmar


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