Mittwoch, 21. Juli 2021

19.07.2021 Von Figeholm nach ... ?

 Montag, 19. Juli

 

Heute soll es weiter gehen. Ich befinde mich hier am Beginn eines Schären-Paradieses, das sich vom Ausgang des Kalmarsunds, nördlich an der Küste entlang, bis hinter Stockholm erstreckt. Hier empfiehlt es sich, viel zu ankern. Tausende kleiner und großer Schären geben mit ihren Buchten fast allerorts Gelegenheit dazu. Die Batterien sind geladen. Den Wassertank im Bug habe ich noch einmal randvoll gemacht. Der im Heck ist noch voll.

Den Track durch die Schären bis zur Ankerbucht, habe ich auf der Seekarte des Tablets festgelegt. Es geht rund 18 Seemeilen kreuz und quer durch kleine Fahrwege immer zwischen den Schären entlang. Gut zwischendurch ein Atomkraftwerk, direkt an der Küste. Nicht der Rede wert. Am Ende wartet eine vermutlich idyllische Bucht auf meine Ankunft nach maximal dreieinhalb Stunden ruhiger Motorfahrt. Ich bin also locker bis Mittag dort.

Doch dann passiert das Unglaubliche.

Aus der Schadenanzeige an den Yacht-Versicherungsmakler:

Ich war gegen 9:45 in Figeholm gestartet und in östlicher Richtung unterwegs. Nach etwa 2 sm biegt an einer schwarz-roten Tonne ein sehr enges Fahrwasser ab, dass in nordöstlicher Richtung durch die Schären zum sogenannten KRAKELUND BAK führt, wo man nach wenigen sm wieder die offene Ostsee erreicht. Ich bog unter Motor fahrend über backbord an der schwarz-roten Tonne mit 5,2 kn Fahrt in das oben beschriebene Schärenfahrwasser ein.

Kurz vor dem ersten Tonnenpaar, das ich "grün an grün" durchfahren wollte, sehe ich eine Segelyacht unter Segeln entgegenkommen. Diese Yacht kommt aus NNE mit einem Raumwindkurs von geschätzt 200°, folgt dem Fahrwasser und dreht vor mir auf geschätzt 310° und Halbwindkurs ab, um das Tonnenpaar zu durchfahren. Dabei holt die schwedische Yacht so weit aus, dass ich mich veranlasst sehe, Ari im Manöver des letzten Augenblicks noch vor dem Tonnenpaar hart aufzustoppen. Siehe beigefügte Trackaufzeichnung.

Dabei hatte ich vermutlich zu forsch den Rückwärtgang reingerissen, denn, als ich daraufhin wieder den Vorwärtsgang einlegte, um Ari gegen den Wind zu stellen, bemerkte ich, dass zunächst der Schub sehr gering und kurz darauf gar nicht mehr vorhanden war.

Geistesgegenwärtig rannte ich noch unter Deck, um den Sicherungsautomaten für die Ankerwinsch einzuschalten und dann in größter Eile zum Bug zu laufen und den Anker zu werfen. Der Anker stoppte das Heck der Ari dann ca. 20 - 25 m vor einem der Schärenfelsen, der sich südlich von mir befand. Es kam zu keiner Kollision. Der Schwede fuhr weiter und hatte die Situation möglicher Weise wegen seiner nach backbord stehenden Segel gar nicht realisiert.

Über Funk setzte ich einen Securite-Ruf ab. Sweden Rescue meldete sich und veranlasste meine Bergung. Laut Aussage der Bergungskräfte habe ich mit keinen Bergungs- bzw. Abschleppkosten zu rechnen. Ich liege jetzt wieder in Figeholm und warte auf Ersatzteile. Mittels Mobilkran will ein ortsansässiger Motorenservice ARI dann für die Reparatur von einer externen Firma Kranen lassen. Durch eine Unterwasseraufnahme konnte ich bereits feststellen, dass sich kein Propeller mehr am Saildrive befindet.  


Für alles Weitere lasse ich die Fotos sprechen ...


Etwa 30 Minuten nach dem Securite Funkruf sind die freiwilligen Helfer vor Ort.

Kurze Abstimmung zur Vorgehen - dann wird eine Y-Leine übergeben die ich an den Bugklampen befestigt muss. Die Y-Form verteilt beim Schleppen die Last gleichmäßig.

Die Y-Leinen sperren ein wenig, weil die Ankerkette, die unter hoher Last steht, im Wege ist. Das Rettungsboot muss jetzt entsprechend in Position gebracht werden, was bei dem Wind auch den Profis nicht leicht fällt.

Die Schleppleine steht jetzt unter Spannung. Nun kann ich den Anker aufholen, der mich bisher vor dem Abtreiben bewahrt hat. Zunächst werde ich einige Meter nach vorne gezogen. Dann geht es im 180° Bogen wieder zurück nach Figeholm.

Wir sind mit knapp über 4 Knoten Geschwindigkeit unterwegs. Kein Rucken ist an der Schleppleine zu spüren. Ari steuert sich eigentlich wie immer.

Zwischenstopp an einer Stelle, die auch unterwasser genügend Freiraum für das kommende Manöver bietet. Um mich im Hafen längsseits an den Pier bringen zu können, müssen mich die Retter selbst fest längseits an ihr eigenes Boot nehmen. Also alle Leinen los, Fender raus und eine neue Schleppverbindung herstellen. Das geht jedoch recht simpel.


Übergabe der neuen Festmacher.

So, jetzt liege ich längsseits festgemacht am Rettungsboot. Zur Stabilisierung meiner Lage beim Schleppen, klemme ich kurz mein Steuerrad in Geradeausfahrt fest. Das hat mir niemand aufgetragen. Ich halte es einfach für sinnvoll.

Es bleibt sogar noch Zeit für ein privates Schwätzchen mit dem Seenotretter.

Ich bereite jetzt das Anlegemanöver vor. Nicht anders, als wäre ich alleine unterwegs. Zunächst die Fender.



Eine Pause ist erlaubt. Erst einmal die Situation auf sich wirken lassen. Was gerade läuft empfinde ich nicht besonders belastend. Ich bin ja in der Hand von Profis. Das was später auf mich zukommt beschäftigt mich hingegen sehr. Auch - "Was wir der ganze Spaß kosten?"

Es wird Zeit die Festmacher vorzubereiten.

Irgendetwas vergessen?   Nein, ich denke nicht.   "Klar zum Anlegen"

Der Seenotretter fragt, ob er an Bord kommen darf, um mir beim Anlegen zu helfen. Er darf.

Eigentlich ist fast alles, wie sonst auch beim Anlegen.

Der Seenotrettungskreuzer macht die Leinen wieder los und rangiert auf seinen benachbarten Liegeplatz.
 

Kurz danach stehen beide Retter neben Ari am Pier. Der "Fahrer" tippt etwas in sein Handy. Ich rufe zu den Beiden rüber: "Now I think it´s time for the paperwork"

"No, everything´s done" erhalte ich als Antwort. 

"You mean, Sweden Rescue will come to me later, because of the costs for you tugging assistence?" erwidere ich.

"No, everything´s done. The Cost are taken by the state of Sweden. There is nothing to pay!"

Dann geben mir beide noch einen Tipp, dass sich etwa 300 m weiter die Firma FIGEHOLMS MARIN  befinde. Ein Motorenspezialist für YAMAHA Außenbordmotoren. Vielleicht könne der mir ja helfen.

Ich kann es kaum fassen und frage die Beiden, wie ich mich erkenntlich zeigen kann. "Is there a thank-you-box, where I can put some money in?" Nein, die gibt es nicht. Ich erkundige mich nach einer Spendenmöglichkeit an den Ort "or somebody else". Die Beiden schmunzeln nur. Helfen Sie mir, was kann ich tun, das ist meine erste Rettungsaktion? 

"A bottle of wine?"   Da schaut der Fahrer seinen Kollegen an und sagt: "Wein, das ist doch was für Dich!"  Der Kollege, sowieso ein eher ruhiger, zurückhaltenden Typ, sagt nichts, widerspricht aber auch nicht. "Please wait a Minute!" rufe ich und verschwinde im Boot, um aus dem Stauraum in der Bilge unsere aktuell beste Flasche Rotwein zu holen. Ich überreiche diese, wobei ich mich bedankend verneige. Fast eine japanische Geste der Dankbarkeit.

Dem Fahrer kann ich leider nichts anbieten, treffe ihn aber später noch wieder und habe Gelegenheit, mich noch einmal zu bedanken und ein paar private Sätze zu wechseln.

Doch jetzt gilt es erst einmal die dringenden Dinge zu organisieren.

1) Den Hafen informieren, denn ich blockiere einen, wenn auch kleinen, Teil der Tankstelle. Und ich muss für heute Hafengebühr entrichten.

2) Ich muss schauen, was FIGEHOLMS MARIN für mich tun kann.

Beim Hafenmeister treffe ich wieder auf die beiden Schüler, die als Ferienjob diese Tätigkeit übernommen haben. Das abkassieren klappt schon mal. Bezüglich meines Liegeplatzes, von dem ich vorher noch ein Foto gemacht habe und dass ich den Beiden zeige, wollen sie keine Entscheidung treffen. Eine Dame, wenig älter als ich wird herbeigerufen. Wie ich später erfahre ist sie Mitglied im hiesigen Figeholms Batclub (Bootsclub).

Sie lässt sich die Umstände erklären. Insbesondere, dass ich mangels Propeller derzeit manövrierunfähig bin. Sie greift zum Handy und ruft Matthias an. Matthias ist ausgerechnet der Inhaber von FIGEHOLMS MARIN, der Motorenspezi zu dem ich ja sowieso noch wollte. Sie läd mich in ihr Auto ein. Nice car, sage ich. Sie erwidert stolz: "It´s a german car"  Ein BMW SUW, das sehe ich. Sie habe mal einen Volvo gehabt, aber seitdem Volvo einige Modelle in den Niederlanden bauen lasse, sei sie umgestiegen.

Die Fahrt dauert keine zwei Minuten und wir sind bei Matthias. Schnell ist alles geklärt.

1)  Sobald er Zeit hat, kommt er mit einem Motorboot vorbei, damit wir Ari in eine normale Liegeplatzposition bringen können (an der Mooringboje).

2)  Er habe nur die Möglichkeit, Ari mit Hilfe eines Mobilkranes, welcher extern geordert werden müsste, aus dem Wasser zu heben. Den Einbau des neuen Propellers könne er vornehmen, sobald die von mir zu bestellenden Teile da wären.

Wir tauschen die Konraktdaten aus. Das war´s für´s Erste. Für heute reicht es mir auch.

Als ich am Boot ankomme stellt sich die Frage, wie man jetzt am besten an einen neuen Propeller kommt. Diese haben auch ganz spezifische Maße und Parameter, die ich nicht alle kenne, weil sie in keinem Bootsdokument vermerkt sind. Ich wende mich an Danny. Er ist der Boots-Motorenspezialist aus Neuhof, meinem Heimathafen.

Ob er jemanden kenne, der mir, wenn Danny ihm die notwendigen Angaben schickt, ein Paket mit einem neuen Propeller und alles gegebenfalls benötigten zusätzlichen Teilen schnürt und nach Schweden sendet. Danny kümmert sich, obwohl er gerade Urlaub hat, was ich vorher nicht wusste. 

 

Oben: Ein Teil der von mir für heute geplanten Route. Bis Punkt (7) bin ich dann gekommen.

Unten: Die gelbe Linie ist der GPS-Track, der Route die Ari gefahren ist. Links sieht man deutlich den Bereich an dem ich den Notanker geworfen hatte und Ari schwoite. Der Bogen nach rechts und wieder zurück, ist das Abschleppen durch die Seenotretter. Das Tonnenpaar in der Mitte hat einen Abstand von 100 Fuß (rund 30 Meter). An Punkt (8) biegt der Fahrweg dann nach Nordosten ab.


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