Montag, 26. Juli
Ich wache gegen acht Uhr auf. Der erste Gedanke, der meine grauen Zellen wie durch einem Tsunami flutet, ist der Propeller. Genauer gesagt, das Prozedere drum herum und die traurige Gewissheit, dass mal wieder nichts läuft und die Angst davor, dass sich das womöglich erst irgendwann in Wohlgefallen auflösen wird. Und Gnade dem, der mir dann mit einem Spruch kommt, wie zum Beispiel. „Siehst Du, ist doch alles gut gegangen!“ Aber noch ist es nicht soweit. Noch lange nicht.
Ich prüfe meinen eMail-Eingang nach einer Statusbenachrichtigung von FedEx zum augenblicklichen Aufenthalt des neuen Propellers und zum geplanten Liefertermin, hier in Schweden. … - … NICHTS! Gut – hatte ich auch nicht ernsthaft erwartet. Interessant ist aber, der verbliebene Optimismus trotz Depression. Man hofft tatsächlich, dass sich ja mal eine Kleinigkeit, wie zum Beispiel eine eMail, ohne mein weiteres Zutun, in meinem Postfach wiederfindet – ich sie öffne und sinngemäß lese: „FedEx freut sich, Sie über den aktuellen Status Ihrer Versendung informieren zu dürfen. Ihre Lieferung befindet sich gerade am Stockholmer Flughafen Arlanda und wird morgen, Dienstag, bis spätestens 18:00 zugestellt.“ Nein, lieber Harald, das ist zwar möglich, aber wir sorgen dafür, dass das niemals passieren wird. Gezeichnet: Deine kleinen, bösen Trolle.
Ich google die Kontaktdaten von FedEx im www.
Als nächstes stellst Du fest, dass augenscheinlich alle Mitarbeiter großer Unternehmen, die sich mit der Außenwirkung und Kundenkontakten beschäftigen, dieselbe Uni besucht haben müssen.
Über allem prangert der Titel: FedEx Get on the Play Store (was immer das bedeuten soll). "Steig in das Spielwarengeschäft ein?" Falls irgendjemand eine Idee hat - immer her damit.
Im Kunden-Support habe ich die Möglichkeit, einem Virtual Assistent meine Anliegen aufzugeben. Bitte nutzen Sie unsere Online-Tools, um den Status Ihrer Sendung zu prüfen.
Dann der Slogan: "Where now meets next"
Über einen Link käme ich direkt zum: "Small Business Hub" oder dem "Shipping Channel" wo ich mir im "Download-Center" Informationen zum "E-Commerce" runterladen kann, gleich dort, wo sich auch der "Global Citizenship Report" befindet und ich mich noch über den "Diverse Appeal" informieren kann, bei gleichzeitigem Hinweis, dass der "Toolkit" regelmäßig aktualisiert wird. Na, Gott sei Dank!
Wohlbemerkt – ich befinde mich auf der deutschsprachigen Webseite von FedEx, einer wahren Fundgrube für´s "Bullshit Bingo".
Nein – ich möchte gerne mit einer Person,
einem Menschen, telefonieren! Irgendwo finde ich dann auch eine Telefonnummer,
diese Rufe ich an. Ich erwarte die musikalische Untermalung eines typischen Callcenters
mit dem Hinweis, dass gerade alle Leitungen belegt sind, ich zum
nächsten freien Mitarbeiter durchgestellt würde – „please hold the line“ – „rester
en ligne s ́il vous plait“ – oder dergleichen. Doch ich irre mich. FedEx löst
das geschickter. Wozu eigene Mitarbeiter für telefonische Auskünfte vergeuden, wenn man unliebsame Nachfragen von Kunden auch nach dem System
loswerden kann ...
- Wenn Sie … - drücken Sie die 1
- Wenn Sie … - drücken Sie die 2
- Wenn Sie … - drücken Sie die 3 => will ich und drücke die 3
Wenn Sie … - geben Sie Ihre Sendungsverfolgungs-, Frachtbrief- oder Bestell-Nummer ein. Wenn ich diese hätte würde ich ja nicht anrufen.
Da ich möglicher Weise nicht in der vorprogrammierten Geschwindigkeit geantwortet habe, befinde ich mich wieder ganz oben in der Fragenschleife und die Tipperei am Mobilgerät beginnt von vorne.
Irgendwann drücke ich erneut die 3.
Wenn
Sie … - geben Sie Ihre Sendungsverfolgungs-, Frachtbrief- oder Bestell-Nummer
ein. Das hatten wir bereits. Option 3.2 habe ich jetzt nicht mehr in Erinnerung, aber ...
Ich erläutere einer freundlichen jungen Dame mein Anliegen. Sie erklärt mir, dass FedEx keine eMails an Kunden versendet. Der Auftraggeber selbst erhalte eine Sendungsverfolgungsnummer. Mithilfe dieser könne man auf der FedEx Internetseite den jeweilig aktuellen Status einsehen. Ich bedanke mich für diese Auskunft. Der Blutdruck steigt.
Also hatte der SPW-Mitarbeiter das offensichtlich durcheinandergebracht. Ich rufe also bei SPW in Bremerhaven an. Es meldet sich, wie immer, die Auszubildende aus dem Empfang und Versand. Ich möchte den Sachbearbeiter sprechen. „Der ist nicht da – kann ich ihnen helfen!“ Ich erläutere mein Problem – sie bittet um einen Augenblick Geduld. Drei Minuten später erklärt Sie sinngemäß, dass sie mir doch eine eMail mit der Sendungsverfolgungsnummer geschickt habe. Ich habe nichts bekommen und auch ein späterer Blick in meinen Spam Ordner wird daran nichts ändern.
Sie gibt mir die Sendungsverfolgungsnummer telefonisch durch und tippt parallel die Daten auf der FedEx-Seite ein. Der Propeller sei seit gestern bereits in Stockholm am Flughafen Arlandia. Geplante Zustellung, Dienstag, 27.07.2021, vor 18:00 Ortszeit. Ich bedanke mich und lege auf.
Das Positive – wir liegen noch im Zeitplan!
Das Negative – warum erreicht mich schon zum zweiten Mal in diesem Urlaub eine Nachricht nicht, auf die ich dringend warte? Wir erinnern uns an die nicht eingegangene Benachrichtigungs-SMS vom Baltic Shop in Kalmar! Gut – egal …
Ich rufe gegen 09:30 in Figeholms Marin an. Wir erinnern uns – am Freitag hatte ich eine eMail mit allen notwendigen Daten geschrieben, die zur Beauftragung des Mobilkrans notwendig waren. Ich hatte vereinbart, so glaubte ich, dass der Mobilkran für Donnerstag, 29. Juli, bestellt werden soll. Einen Tag Sicherheitspuffer, für den Fall, dass sich die Propellerlieferung doch verzögern sollte, hatte ich eingeplant. Ich rufe also in Figeholms Marin an. Ich erläutere mein Anliegen, kann aber nicht verstehen, wen genau ich am anderen Ende habe. Nur so viel – man wisse nicht genau! Okay, sage ich. Ich komme vorbei, um das persönlich zu besprechen.
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| Figeholms Marin AB |
Vor Ort frage ich eine Angestellte nach Matthias, dem Inhaber. Sie holt ihn aus der Werkstatt. „Has everything worked with the order of the mobile crane?“ frage ich.
Mit freudestrahlender, entspannter Mine fragt er zurück, wann der Propeller denn geliefert würde. „Tomorrow – before 6 pm, just as discussed“ – „When will the mobile crane come?” frage ich zurück. Er kann den Mann von der Kranfirma erst heute Abend erreichen. Er wird ihn anrufen und mich dann telefonisch informieren.
Mal wieder falle ich vom Glauben an die Menschheit ab. Es ist nichts passiert! Vor genau acht Tagen sprachen wir das erste Mal über die Beauftragung und die abzufragenden Konditionen für den Mobilkran. NICHTS! Es ist in dieser Zeit nichts passiert, obwohl ich mehrfach im Laden war, allerdings den Chef, abgesehen vom ersten Mal, nie persönlich erreicht hatte. Matthias jedenfalls, hat eine ganz entspannte Mine. Ich sehe ihm an, dass da nicht die Spur einer Unzuverlässigkeit, eines schlechten Gewissens oder Ähnlichem in sein Gesicht geschrieben steht. That´s business made by swedens. So wirst du vermutlich 110 Jahre alt. Zeitdruck und Verbindlichkeit sind vermutlich keine Worte, für das es eine Übersetzung in der schwedischen Sprache gibt.
Ich nehme noch Wetten an.
Werde ich heute Abend, wann immer das ist, eine Nachricht von Matthias erhalten, wann der Krantermin stattfindet? UND
Wird es überhaupt einen Krantermin hier in Figeholm geben?
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An Nachmittag entschließe ich mich erst einmal wieder meine Hafengebühr für die nächsten drei Tage zu bezahlen. Also ab zum Hafenmeister, drei Häfen weiter, das sind aber auch nur geschätzte 500 Meter. Schon habe ich wieder die beiden Schüler, die hier ihren Ferienjob ausüben vor mir. Sie grinst schon als Sie mich sieht. Er kassiert heute ab. Es werden keine Fragen mehr nach der Bootsbreite und dem Herkunftsland gestellt, warum auch, ich bin ja heute den zehnten Tag hier in Figeholm. „That´s 900“ höre ich nur. Richtig drei Tage zu 300 SEK. Ich lege meine Karte auf das Lesegerät, bestätige mit der grünen Taste. A receipt? fragt mich der junge Mann. Yes, entgegne ich, denn womöglich könnte der hiesige „Zwangsaufenthalt“ versicherungsrelevant sein – ich weiß es noch nicht.
So, Pflichtteil erledigt, ach ja ich wollte mich noch für morgen in die Laundry-Liste des Hafens eintragen. Das erledige ich jetzt noch schnell. Im Waschmaschinenraum stehen zwei Waschmaschinen und zwei Trockner. Ich trage mich für morgen für beide Waschmaschinen ein. Großer Wäschetag. Ich will aber auch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und hier in Figeholm ist die Nutzung der Waschmaschinen im Liegeplatzpreis inbegriffen. Wer mitgerechnet hat, weiß, dass ich, die heutige Zahlung mitgerechnet, inzwischen mit rund 360,- € so was wie ein Anteilseigner des Hafens bin. Da darf man auch mal den kostenlosen Service ohne schlechtes Gewissen nutzen.
Auch das wäre erledigt. Es ist Kaffeezeit
in Deutschland und ich entscheide mich, mir im nahegelegenen Coop, das sind von hier
aus keine 250 Meter, ein … - … nein, kein Kardamon-Knut zu holen, die gibt es
hier nämlich nicht, sondern ein Daim Eis. Der Coop liegt an einem schönen, wenn auch kleinen, Park.
Die Parkbänke sind alle frei. Ich nehme mir die am idyllischsten gelegene und
genieße dort meine Eistüte direkt am Wasser. Es ist heute ein trüber Tag mit
dennoch 25° C. Mir fallen die wunderschönen Spiegelungen auf den Wasserflächen
des Parks auf.
Auch hier ist ringsherum Meerwasser ...
Nachdem ich jeden Bissen an mein Eis gefeiert habe, entscheide ich, doch noch schnell die Kamera vom Boot zu holen und hier ein paar Fotos zu machen. Etwa zehn Minuten später bin ich wieder zurück. Als ich gerade in die Seitenstraße zu Coop einbiege, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie ein Auto neben mir aufstoppt, das Fenster auf der Beifahrerseite öffnet sich gerade.
Da habt ihr euch aber den Falschen ausgesucht, denke ich noch. Ich kenne mich hier in der Gegend doch auch nicht aus. Doch dann erkenne ich, wer in dem schwarzen Pickup sitzt. Es ist Matthias. Er strahlt mich an, wie immer. Er habe mit dem Krandienst gesprochen. Es ginge Mittwoch und Donnerstag, aber Mittwoch wäre besser. Der Mann vom Krandienst habe gesagt: „Warte bis du morgen den Propeller hast – dann machen wir den Termin klar“. Ich stimme zu und bedanke mich. „That´s really good news“. Matthias fährt zu Coop einkaufen – ich gehe weiter fotografieren und schreibe Katrin erst einmal eine Nachricht. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Die Kuh ist hiermit noch nicht vom Eis, aber der Strick schon einmal um ihren Hals gelegt.
Ein paar Impressionen aus Figeholm …
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| Haus der alten Dame. |
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| Ein Vater fahrt mit seinen beiden Söhnen einkaufen - mit dem Boot ... |
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| ... zu Coop, da habe ich nicht schlecht geschaut. |
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| Sinnbild: Bessere Zeiten |
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| Gelber Fingerhut (Digitalis lutea) |
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| Dieses Foto braucht keinen Titel |
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| Sinnbild für´s Leben. Der geebnete Weg und der Trampelpfad. Beide enden unbekannt. |
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| Rosenkäfer (ich weiß, ich hatte ihn schon im Blog - aber ist der hier nicht schön?) |
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| Der Trauermantel (Nymphalis antiopa) |
Leider ist das Foto von schlechter Qualität und trotzdem in meiner heutigen Auswahl. Der Trauermantel saugt nur selten an Blüten, sondern überwiegend an Baumsäften und Fallobst. Gefunden hatte ich ihn am Fuße einer leicht blutenden Eiche, wo er sich an deren Saft labte. Er sitzt dort mit zusammengefalteten Flügeln und öffnete diese alle 5 - 10 Sekunden für den Bruchteil einer Sekunde. Dann musste der Auslöser gedrückt werden. Von etlichen Versuchen ihn mit geöffneten Flügeln zu zeigen, ist dieses Foto noch das beste. Die Unterseite dieses Schmetterlings ist unspektakulär.
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| Essigbaum |
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| Da, gaanz hinten, möchte ich mal wieder hin ... |
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| Das Hexenhaus |
Das war meine heutige Fotoauswahl. Danke für´s anschauen!
Bleibt mir gewogen und weiterhin neugierig.


























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