Bei einer Crew, die nur aus ganzen zwei Seglern besteht, kann es schnell mal passieren, dass einer komplett ausfällt. Man denke nur an meinen Sturz vor drei Wochen. Wäre es schlimmer ausgegangen, ich im Krankenhaus gelandet, hätte Harry - ziemlich weit weg von Deutschland - allein mit dem Boot dagestanden. Und dann?
Diesmal war ich die "Überlebende". Aber fangen wir von vorn an.
Wir standen kurz nach sieben Uhr auf und setzten uns zum Frühstück an den Tisch. Uns stand mit gut 50 sm zwar kein langer Törn bevor, aber wir wollten auch nicht zu spät in Neuhof ankommen. Am späten Nachmittag sollte der Wind vor der deutschen Ostseeküste 6-8 Bft erreichen. Wir wussten auch, dass das Wetter bereits im Tagesverlauf eher sportlich wird. In der Vorhersage standen satte 4-7 Bft Wind und um die 1,50 m Wellenhöhe. Bei diesem Wetter und einer Strecke von gut 50 Seemeilen muss man mit 8-9 Stunden Fahrt rechnen.
Harry hatte nicht so recht Appetit, aß recht wenig und hatte auch später beim Klarmachen des Bootes leichte Probleme mit dem Kreislauf.
Nach dem Ablegen gegen halb neun Uhr kämpften wir uns durch die auflaufende Welle vor der Hafeneinfahrt. Später, nachdem wir die Segel gesetzt hatten, übernahm ich die erste Ruderwache. Harry löste mich um zehn Uhr ab. Wir wollten uns wieder stündlich abwechseln, da Wind und Welle etwas anstrengend waren.
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| Da war die Welt noch leidlich in Ordnung ... Abfahrt aus Klintholm. |
Mir rasten hundert Gedanken durch den Kopf. Ich musste damit rechnen, dass Harry sich während der Fahrt nicht mehr erholen wird; es könnte ihm auch noch schlechter gehen. Für diesen Fall haben wir neben Tabletten gegen Reisekrankheit auch noch Zäpfchen mit ähnlichem Wirkstoff - die kann man nicht so einfach erbrechen....
Für meine eigene Beruhigung erstellte ich mir einen Notfallplan mit mehreren Varianten. Geht es Harry schlechter, muss ich in Barhöft reinfahren. Dieser Hafen ist allerdings sehr klein und eng und ich wusste noch nicht, ob ich es schaffen würde, Leinen und Fender vorzubereiten. Mein sicherster Plan war, bis nach Stralsund zu kommen und mir dort , wie ich es auch für Barhöft gemacht hätte, vorab per Funk Hilfe beim Anlegen zu organisieren. Irgendwer hat immer sein Funkgerät auch im Hafen an. Stralsund hat den Vorteil, weiträumig zu sein, mit einigen Möglichkeiten der Windabdeckung, um das Boot unter Autopilot vielleicht doch für das Anlegen vorbereiten zu können.
Wind und Welle gaben sich derweil alle Mühe, mir das Leben schwer zu machen. Wir waren bei den mittlerweile fünf, größtenteils jedoch sechs Windstärken recht gut unterwegs, Ari flog bei gerefftem Großsegel mit gut 8 Knoten durchs Wasser. Das war allerdings, zusammen mit der von schräg hinten einlaufenden Welle, zuviel für unseren Autopiloten. Der gab, kaum dass ich ihn aktivierte, schnell wieder auf. Er konnte bei den Böen bis in die 7 Bft einfach den Kurs nicht mehr halten. Das verbannte mich ans Steuer. Ich konnte mich weder richtig um Harry kümmern, noch um mich. Essen, Trinken, Toilette - alles rückte plötzlich unerreichbar in die Ferne. In kleinen Windpausen mit nur 5 Bft, wenn die großen Wellen gerade durch waren, ließ sich der Autopilot für ein bis zwei Minuten zur Arbeit überreden. Dann konnte ich schnell eine Decke für Harry holen, beim nächsten Mal einen Müsliriegel und eine kleine Flasche Wasser für mich. Schon hörte ich das Piepen, das der Autopilot von sich gab, wenn er mal wieder seine Arbeit einstellte. Nach gut drei Stunden musste ich den armen Harry leider ans Ruder stellen. Wir hatten das Fahrwasser westlich Hiddensee erreicht. Das wird, südlich von Hiddensee, sehr schmal. Links und rechts stehen die Möwen im Wasser und schauen dir in die Augen - soll heißen, es wird neben dem Fahrwasser sehr schnell sehr flach. Deshalb wollte ich die Segel vor der Einfahrt in das Fahrwasser herunter haben.
Das Fahrwasser führte, kurz vor dem Festland und dem Hafen Barhöft, direkt in den Wind. An dieser Stelle war es aber zu schmal, um dort die Segel bei starkem Wind einzuholen. Außerdem wusste ich nicht, ob Harry das wirklich schaffte. Für den Fall, das nicht, hatte ich allerdings noch keine Lösung. Den Autopiloten konnte ich bei den anhaltenden 6-7 Bft nun endgültig abschreiben. Aber Harry hielt, obwohl er am ganzen Körper schlotterte, so lange durch, bis ich die Segel "irgendwie" eingerollt bekam. Danach ging es ihm aufgrund der Anstrengung wieder schlechter und alles ging von vorne los.
Ich steuerte Ari, nun unter Motor, eiernd durch Wind und Welle - und den immer stärker werdenden Regen. Es war sehr schwer, das Boot im schmalen Fahrwasser zu halten. Zum Glück wird es so weit draußen, ungefähr mittig der Insel, neben dem Fahrwasser, noch nicht so schnell flach - ich durfte mir also noch ein paar kleine Fehler leisten. Ich war froh, dass der Motor seinen Job so gut machte. Dank des Stroms (Gellenstrom genannt) auf dieser Seite Hiddensees düsten wir immer noch mit über 7 Knoten Geschwindigkeit durchs Wasser.
Je weiter ich unter das Südende von Hiddensee kam, um so ruhiger wurden Wind und Welle, dank der Abdeckung durch das Land der Insel Bock. Hier hatte ich nur noch mit 3-4 Bft Gegenwind und kaum noch Welle zu tun. Endlich konnte ich den Autopiloten einschalten und mich für ein paar Minuten hinsetzen, ausruhen und mich um Harry kümmern.
Eine Stunde später und viereinhalb Stunden nach seinem Ausfall, war Harry kurz vor Stralsund soweit stabil und ausgeruht, dass er das Steuer übernehmen konnte. Ich zog erst einmal meine klitschnasse Kleidung aus. Meine Segelkleidung hat, obwohl selbst klatschnass, gut ihren Job gemacht und kein Wasser durchgelassen. Allerdings hatten diverse Wellen, die aufgrund ihrer Höhe komplett übers ganze Boot flogen, soviel Wasser über mir ausgegossen, das mir dies bis unter die Jacke drang und ich bis auf die Haut nass war. Zu blöd, wenn man seine Kapuze nicht aufsetzt; die hätte mich besser geschützt. Aber es war warm und mir eh schon alles egal.
Es ging so gut aus, dass wir mit nur wenig Wartezeit auf dem Wasser die Öffnung der Ziegelsteinbrücke in Stralsund um 15:20 Uhr schafften, So liefen wir, bei bereits wieder auffrischendem Wind, nach siebeneinhalb Stunden Fahrt im Heimathafen ein.
Was für ein Abschluss - Petrus und das Schicksal haben uns nochmal so richtig den Stinkefinger gezeigt. Ich kochte uns schnell ein paar Nudeln, mehr war einfach nicht drin. Harry ruhte sich dann weiter aus.
Später am Abend traf ich mich mit einem Kollegen, der mit Freunden zum Angeln im Hafen war, auf ein Bier und konnte so ein wenig abschalten - danke Stoffi :-)
Sonntag, 25.06.2017
Noch einmal ausschlafen, ein letzten Frühstück an Bord, Sachen packen, Boot aufräumen und ... Urlaubsende. Fühlt sich komisch an. Wir waren mit fünf Wochen so lange unterwegs wie noch nie. Noch kann ich es mir nicht vorstellen, am Montag wieder im Büro zu sitzen - meine Kollegen und Chefs bestimmt schon.
Die Autofahrt nervte - zu schnell, zu voll; der Stadtlärm Berlins ebenso. Ich habe böse Fluchtgedanken. Aber keine Sorgen, bisher siegte noch immer die Vernunft.
Ich werde in der kommenden Woche noch einen kleinen Abschlusspost zu diesem Urlaub schreiben. Aber erst muss ich hier richtig ankommen, später die Meilen zusammenrechnen, Häfen zählen, usw.

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