Samstag, 20. Mai 2023

19.+ 20. Mai 2023, Von Byxelkrok nach Skavdö (Insel am Festland)

 Freitag, 19. Mai


Die letzte Nacht hatte Mal wieder nur 5°C. Doch als ich nach dem Aufstehen ins Cockpit komme, ist es dort in der strahlenden Sonne bereits einigermaßen warm, zumindest im Windschatten. Gerd sitz dort bereits mit einem Kaffee. Er ist schon von einer kleinen Wanderung durch den Hafen und über den angrenzenden Strand zurück.

Mal wieder haben wir es wetterbedingt nicht so eilig, denn wenn es heute überhaupt segelbaren Wind geben sollte, dann erst gegen Mittag. Den Seewetterbericht haben wir wie jeden Tag bereits verinnerlicht. Ein wenig wundern wir uns, warum bereits jetzt hier im Hafen und am Vormittag der Wind bläst. Wir checken erneut den Seewetterbericht. Der spricht zu dieser Zeit nur von Schwachwind aus südsüdwest. Wir folgern, dass das frische Lüftchen hier im Hafen dann wohl auf irgendwelche Kap-Effekte zurückzuführen sein muss, denn wir befinden uns ja schon mehr oder weniger an der nördlichen Spitze der Insel.

Heute verlassen wir Byxelkrok und damit auch die Insel Øland. Unser Ziel ist die Schärenlandschaft zwischen Figeholm und Västervik. Dort wollen wir die letzten Tage in verschiedenen Buchten vor Anker gehen. Am Montag Abend möchten wir dann in Västervik einlaufen, denn Dienstag früh geht es für Gerd zurück nach Berlin. Am Mittwoch kommt dann Katrin, die ich ebenfalls in Västervik treffe, für zunächst zwei Wochen.

Gegen halbzwölf Uhr mittags starten wir die Maschine. Der Wind drückt uns beim Lösen der Festmacher seicht vom Pier weg, so dass wir nur noch den Rückwärtsgang einlegen und wenden müssen. Kein Ablegemanöver im eigentlichen Sinn - einfacher geht´s nicht.

Schon nach knapp einer dreiviertel Seemeile können wir bei 7 kn (3 Bft) die Segel setzen. Im Amwindkurs (also mit Wind von schräg vorne) können wir unser Ziel am Festland noch gut direkt ansteuern und machen wegen der nur geringen See (Welle) gute 5,9 Knoten (knapp 11 km/h) Fahrt.



Doch die Freude über die Windbedingungen währt nicht lange. Nach knapp einer Stunde Segeln, machen wir nur noch weniger als 2,5 kn, starten den Motor und holen die Segel wieder ein. Hätten wir mal lieber unserem Gefühl im Hafen vertraut und wären zwei Stunden früher gestartet. 


Zum Glück ist die Überfahrt von Byxelkrok zur Festlandsküste, bzw. dem davorliegenden Schärengürtel nur etwa 8 Seemeilen (rund 14 km) lang. Knapp 5 Seemeilen davon sind wir gesegelt. Den Rest überleben wir dann auch unter Motor, was wir ohnehin für die gesamte Fahr einkalkuliert hatten.


Bei der Fahrt durch die Schären ist permanente Wachsamkeit gefordert. Viele Seezeichen führen durch die sich zwischen den Schären und Untiefen hindurchschlängelnden Fahrwege.


Damit wir nichts übersehen, hält Gerd ebenfalls Ausguck, insbesondere, wenn ich mal wieder mit dem Fotoapparat oder der GoPro beschäftigt bin.






Doch das wichtigste Instrument hier an Bord ist der Plotter, der uns sicher den Weg weist. Das zweitwichtigste sind die beiden Tablets, die mit der selben SeekartenSoftware permanent mitlaufen, falls der Plotter mal ausfällt, was mir vor zwei Jahren hier schon passiert ist.


Hier wird es unter Wasser richtig eng, denn die für uns erforderliche Tiefe im Fahrwasser besteht nur auf einer Breite von weniger als zehn Metern. Diese "Fahrrinne" verläuft dann unterwasser auch noch diagnal von vorne links nach hinten rechts, im Verhältnis zum Fahrwasser, wie man es von oben sieht.


Nach insgesamt 21 sm haben wir, nach einem missglückten Ankerversuch in einer anderen Bucht, nun den Ankerplatz unserer Wahl gefunden. Der Anker hält! - vorerst!


Und da das alles aus der Bootsperspektive fotografiert nicht annähernd dem Original gerecht wird, lasse ich mal die Drohne steigen ...



Unsere Anfahrt - Blickrichtung Osten

Und das ist der Track des heutigen Törns.

Die Nacht verläuft ruhig, während auf einem der Tablets die Routenaufzeichnung läuft. Dieses Tablet steht neben meiner Koje und wenn ich in der Nacht aufwache schaue ich, ob sich das Boot noch im Schwoi-Kreis befindet.

Das Schwoien eines Bootes vor Anker sind seine durch Wind und Welle verursachten Bewegungen. Der Track, den ich aufzeichne, ist sozusagen eine Route an bzw. um einen Punkt. Wird dieser wollknäulähnliche Punkt irgendwo stark deformiert oder die Routenaufzeichnung verlässt diesen SchwoienPunkt, ist das ein Anzeichen für einen rutschenden oder ausbrechenden Anker.


Der nächste Morgen. Die Windrichtung hat um ca. 120° gedreht. Das Boot liegt jetzt mit dem Heck in Richtung des Granitfelsens (siehe Foto). Über Nacht hat der Anker eine Strecke von rund 15 Metern in Richtung dieses Felsens zurückgelegt. Die Position scheint stabil.

Gerd telefoniert gerade, während ich über das Heck ins Wasser schaue. Ich kann im Gegensatz zu gestern den Meeresgrund erkennen. Zunächst führe ich das auf die geänderten Lichtverhältnisse, sprich den Sonnenstand, zurück. Dann sehe ich plötzlich ein markantes Stück des Grundes gleichmäßig unter dem Boot verschwinden. Der Anker rutscht.

Ich rufe Gerd an Deck und starte den Motor. "Der Anker ist ausgebrochen - wir müssen ihn sofort aufholen!" rufe ich ihm zu. Nach hinten sind es maximal 30 Meter, bis wir auf Grund aufsetzen. Gerd eilt zum Bug. Dort liegt für das Ankeraufholen immer alles bereit für den Fall, dass es mal schnell gehen muss. Und jetzt muss es schnell gehen. 

Neuerdings arbeite ich allerdings mit einem Ankerstropp. Das ist eine Trosse mit einem Haken am Ende. Der Haken wird in eines der Ankerkettenglieder in Höhe der Wasserlinie eingehakt. Das Ende der Trosse wird an Deck auf einer Klampe belegt. Der Sinn: Diese Trosse soll während des Ankerns nicht nur die Dauerlast aufnehmen, die sonst auf der Ankerwinsch liegt, sondern auch bei starken Belastungen im Falle starker Windböen oder Wellen, etwas federnd wirken, so dass auch die Last auf die Ankerbeschläge niedriger ist und vor Bruch schützt.

 

Der einzige Nachteil: Der Ankerstropp muss zuerst entfernt werden, bevor man die Kette bzw. den Anker selbst aufholen kann. Das erledigt Gerd jetzt während ich immer wieder im Standgas den Vorwärtsgang einkuppele, damit der Anker entlastet wird und nicht noch weiter rutsch.

Kurze Zeit später höre ich von Gerd: "Boot ist frei!", was bedeutet, dass der Anker fest in seinem Beschlag am Bug sitzt. Ich gebe vorsichtig Gas und es rumpelt unter dem Boot. Wir sind während dieses Manövers immerhin soweit vertrieben, dass der Bootskiel auf irgendeinen Felsen am Grund aufgelaufen ist. Glück im Unglück - Felsenoberkante und Kielunterseite haben in etwa die selbe Höhe, weswegen wir mit leichtem Geholper darüber hinwegfahren. Weiter passiert nichts.

Gerd kommt vom Bug zurück und berichtet, dass sowohl die Kette, als auch der Anker beim Aufholen mehr oder weniger sauber waren. Das bedeutet, der Meeresgrund bestand hier nicht, wie angenommen, aus Ton oder Schlamm, sondern aus Fels, Steinen und vielleicht etwas Sand. Hier hält kein Anker und wir hatten Glück, das uns das Ganze nicht in der Nacht passiert ist.

Nun brauchen wir einen neuen Ankerplatz. Der ist, sozusagen "um die Ecke" schnell gefunden und so werfen wir nach 0,7 Seemeilen Motorfahrt bereits wieder den Anker in einer benachbarten Bucht. Hier gefällt es uns noch besser. Und weil es Früchstückszeit ist, also für uns gegen 11:00 Uhr, machen wir uns erst einmal ein schönes Frühstück und zwar im Cockpit.


Der neue Ankerplatz


Nach dem Früchstück und der Aufregung brauchen wir jetzt etwas schönes für´s Gemüt. Mit Kajak bzw. SUP setzen wir an Land über.


Wir befinden uns hier auf einer Halbinsel, die bereits zum Festland gehört. Eigentlich ist es eine 99%-Insel, da sie nur über eine Landbrücke mit dem Festland verbunden ist, die gerade reicht, um eine einspurige Straße darauf bauen zu können.

Die Landschaft auf dieser Insel ist eine Mischung aus, schilfbedeckter Salzwiese, einem Wald im Alpenvorland, Viehweide und Süßwasser-Sumpfgebiet mit Schwertlilien und im Wasser wachsenden Tannwedeln. Teile wirken wie ein Urwald. Dennoch stoßen wir später auf eine Schotterstraße, einen Bauernhof und eine handvoll geparkter Autos. Menschen sehen wir keine und so bleibt dieses Idyll gefühlt doch irgendwie unser Abenteuerland fernab der Zivilisation.

Ich mache ´zig Fotos und einige Gigabite Filmmaterial, doch das Meiste taugt dann doch eher nicht für die kleinen Abbildungen hier im Blog.




Kein fotografischer Geniestreich, aber ein Beleg für ein ganzes Rudel Rotwild in gut 100 m Entfernung. 600 mm Brennweite machen´s möglich.


Wir sind etwas überrascht, wie felsig es hier ist. In mehreren eiszeitlich geschliffenen Granitfels-Wellen erklimmen wir Meter für Meter den "Hochwald", um am Ende auf dem Gipfel des Monte Skavdö, 34 m Höhe (laut BergfexApp), zu stehen.


Unsere übermenschlichen Anstrengungen werden belohnt mit dieser grandiosen Aussicht ...



Unser heutiges Wandergebiet samt neuer Ankerbucht (rechts-unten) ...


Zum Schluss entdecken wir im Flachwasser noch diese junge Flunder mit einem Durchmesser von nicht mehr als zehn Zentimetern.


Am Schluss unserer Wanderung haben wir immerhin 4,6 km (siehe Track) zurückgelegt.

Und für Diejenigen, die sich jetzt fragen: "Wo seid ich jetzt genau?", zoome ich mal Stück für Stück aus der Landkarte heraus ...





Morgen geht es weiter in die nächste Ankerbucht. Wo die liegt, wissen wir jetzt selbst noch nicht.

Bleibt uns gewogen und weiterhin neugierig. Wir sind es auch.

Euer Harry



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