Montag, 13. September
Um fünf Uhr klingelt unser Wecker. Da wir gestern recht früh im Bett waren, kein Problem. Doch während Katrin sich ihr Frühstück schmecken lässt, begnüge ich mich mit einer Tasse Kaffee. Das ist nicht meine Zeit - auch wenn alles lecker vorbereitet vor mir steht. Sogar kleine Plunderteilchen mit Vanillepuddig-Füllung haben wir zur Auswahl.
Wir wollen heute früh los, haben aber keine Eile. Wir packen alles in Ruhe zusammen, Katrin checkt noch einmal den Wetterbericht und bereitet das Logbuch vor. Als wir draußen alles zum Ablegen vorbereiten ist die Sonne schon kurz vor dem Aufgehen. Gegen halbsieben starte ich den Motor und kurz darauf verlassen wir bereits den noch schlafenden Hafen.
![]() |
| Karlskrona kurz vor dem Ablegen |
Der Wind wird heute noch im Laufe des Tages von nordwest auf west drehen. Daher wollen wir unbedingt noch heute den großen Schlag nach Bornholm erledigen - denn das Wetter ist so wechselhaft, dass man den Vorhersagen, die über einen Tag hinaus gehen, absolut nicht trauen kann. Wir haben aus diesem Sommer gelernt, dass bestenfalls die Vorhersage für den morgigen Tag einigermaßen zuverlässig ist - meistens zumindest. Für morgen sind Schwachwind und teils Flaute angesagt. Am Mittwoch soll sich eine Zone mit östlichen Winden aufbauen. Die würden uns dann gen Rügen blasen - vorausgesetz die Prognose stimmt.
Die ersten drei Seemeilen fahren wir noch unter Motor, denn wir haben zunächst nur 6 Knoten Wind (2 Bft) und wollen auch keine Zeit vertrödeln, denn alleine unser Idealkurs zum Ziel ist rund 72 nautische Meilen lang. Die tatsächlich zu segelnde Entfernung hängt dann immer vom Wind und weiteren Gegebenheiten ab. Am Ende des Tages werden wir in gut 12 Stunden über 83 nm weit unterwegs gewesen sein.
Katrin widmet sich dem künstlerischen Teil und fängt die morgentlichen Stimmung ein ...
Draußen, auf der offenen See, dauert es dann noch über eine Stunde, bis sich richtiger Wind einstellt. Die Dünung des Vortages begrüßt uns jedoch bereits, als wir die vorgelagerten Insel der Stadt Karlskrona seewärts passieren.
Mit Dünung bezeichnet man Wasserwellen, die bereits aus ihrem
Entstehungsgebiet herausgelaufen sind; somit ist Dünung der Gegenbegriff
zur Windsee. Die Gesamtheit aller Wellen aus Dünung und Windsee
bezeichnet man als Seegang. Anders formuliert ist die Windsee der Seegang, der aktuell durch den Wind erzeugt wird, während die Dünung der verbleibende Seegang der "gestrigen" Windsee ist. Die Dünung besteht grundsätzlich aus Wellen, die im Vergleich zur Windsee flacher, länger und schneller sind.
Heute steht für uns noch eine Besonderheit an, denn nach 32 Seemeilen Fahrt, haben wir unsere 10.000´ste Seemeile mit der Ari im Kielwasser (also auf dem Wasser hinter uns gebracht). Dieses Ereignis findet heute um 11:22:54 an der Position 55°48'.080 Nord und 015°04'.468 East, also mitten auf dem freien Wasser zwischen Karlskrona und Bornholm, statt. Mit den Seemeilen, die wir uns noch mit der Mariner auf der Ostsee erkämpft haben, kommen wir dann auf insgesamt rund 12.500 sm (rund 23.000 km). Bei einer geschätzten Durchschnittsgeschwindigkeit von 12 km/h muss man also gut 80 Tage lang ununterbrochen fahren, um diese Distanz zu erreichen.
Sprach ich anfangs noch vom heutigen Idealkurs mit 72 sm bis zum Ziel, so mussten wir bereits jetzt etwas taktieren. Wir segeln weiter nach Westen, als wir vom Idealkurs her müssten.
Hintergrund (1) ist, dass wir schon wieder AmWindKurs (schräg gegen den Wind) fahren. Das geht nur bis zu einem gewissen Grad. Da wir derzeit noch etwas "Luft für mehr" haben, fahren wir schräger gegen den Wind als nötig und bauen uns so ein "Reservepolster" auf. Der Wind wird später noch direkt auf west drehen, wodurch wir unseren Kurs dann nicht mehr halten können. Wir können dann von dem "Reservepolster" leben, dass wir uns in westlicher Richtung aufgebaut haben, indem wir dann südlicher fahren können, als es uns auf dem "Idealkurs" möglich gewesen wäre.
Hintergrund (2) ist, dass wir irgendwann den Strom der Großschifffahrt kreuzen müssen, um Richtung Bornholm zu kommen. Großschifffahrt, dass sind die dicken, grünen Schiffe auf dem Plotter, die, wie an einer Perlenkette aufgereiht, hintereinander zwischen Bornholm und dem schwedischen Festland durchfahren. Auch wenn wir unter Segeln "Vorfahrt" haben, macht man das besser nicht in einem spitzen Winkel, sondern quert den Fahrweg im Idealfall im 90°-Winkel zur Großschifffahrt. Wir nehmen kurz vor Bornholm rund 60° als Kompromiss zwischen unserem Idealkurs und dem kürzesten Weg durch die Berufsschifffahrt. Dafür geben wir dann den restlichen Teil unseres "Reservepolsters" auf.
Auf dem Plotter sieht das dann so aus. Der Idealkurs ist die gerade magentafarbene Linie zwischen Karlskrona und Rönne auf Bornholm. Der gefahrene Kurs ist die gebogene magentafarbene Linie zwischen Karlskrona und Rönne, die wie ein "D" drumherum führe wird. Wir sind auf diesem Plotterbild gerade erst mitten im "D".
Die Großschifffahrt ist allerdings nicht so dicht, wie das Plotterbild vermittelt, da die einzelnen Schiffe ja in Übergröße dargestellt werden. Tatsächlich haben die einzelnen Berufsschiffe untereinander Abstände von fünf bis zehn Kilometern und kommen sich auch beim Überholen nicht näher als ein Kilometer.
Der im Hintergrund, zum Beispiel, ist ein gut 200 Meter langer Frachter, in einer Entfernung von rund 4,5 Kilometern, dessen Kurslinie wir gerade kreuzen. Bei seiner Geschwindigkeit von 18 Knoten benötigt er 7 Minuten, bis er unseren aktuellen Standort erreicht. In dieser Zeit werden wir uns etwa 1.500 Meter von seiner Kursinie entfernt befinden - ein guter Abstand.
Keinen guten Abstand hatte ich zur "Thun Evolve", als ich auf der Hinfahrt von Figeholm nach Nynäshamn (siehe Post) unterwegs auf sie getroffen bin. Also nur fast getroffen, denn ich bin ihr ja ausgewichen, weil die Thun Evolve es verschlafen hatte. Heute treffen wir sie wieder ...
Gegen 15:20 segeln wir dann von internationalen Gewässern in den dänischen Wirtschaftsraum ein. Maßgeblich ist hier die sogenannte "Dreimeilenzone", die allerdings recht willkürlich in unterschiedlichen Abständen um die große Insel Bornholm verläuft.
Für uns zumindest steht spätestens jetzt der Wechsel der Gastlandsflagge an. Schwedisch blau-gelb runter, dänisch rot-weiß rauf, unter die Saling.
Unser Gebolze gegen den Seegang hinterlässt Spuren. Es ist jetzt später Nachmittag und wir sind körperlich schon recht angeschlagen. Abwechselnd legen wir uns hin, zwar auch, um mal kurz einzuschlafen, aber vielmehr, um einfach mal die Muskulatur zu entspannen. Obwohl die See nur gut einen Meter hat, gleicht der Körper beim Stehen oder Sitzen permanent den sich bewegenden Untergrund so aus, dass er selbst möglicht in Waage bleibt. So ist man sozusagen permanent passiv in Bewegung und auch das zehrt über die Stunden an der Konstitution.
Einen großen Teil unseres Törns haben wir auch Gegenstrom, so dass wir zwar mit gut siebeneinhalb Knoten Fahrt unterwegs sind, aber nur mit weniger als sechseinhalb Knoten Fahrt vorankommen. Das lässt die gut 80 Seemeilen wirklich lang werden. Am Ende des Törns sind wir uns zwar einig, dass es ein guter Segeltag war und trotzdem sind wir froh, endlich gegen halbsieben Uhr am Abend, nach fast genau 12 Stunden Fahrt, im Hafen von Rönne zu sein.
Und weil wir so kaputt sind, gibt es auch nur dieses eine abendliche Foto ...
Nach einen Anlegerbier und einem deftigen Gulsch fallen wir dann schon vor acht tot in die Koje. Morgen ist Ruhetag!
















Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen