Freitag, 13. September 2019

10.-13.09.2019_Kultur(schock)

10.09. Dienstag


Wir nehmen Abschied von der schönen Ankerbucht. Leider übernimmt das Wetter der nächsten Tage die Regie über unsere Reise. An gemütliches Ankern ist erstmal nicht zu denken, Sturm und Regen verhindern dies.

Der aufkommende ruppige Westwind würde das Verbleiben in dieser Bucht sowie die Weiterfahrt zum Zwischenziel Nyköping sehr unbequem machen. Also nutzen wir das letzte bischen netten Ostwind, um weiter zu kommen.
Da der Weg zum nächsten Hafen nur kurz ist, gönnen wir uns noch einen letzten Spaziergang am Ufer entlang durch Wald und Wiesen. Dabei wurde wieder der eine oder andere Wald-Wiesen-Bewohner aufs Fotos gebannt.

Admiralsschmetterling

Intensiver Blickkontakt mit einem Damhirsch
Unser heutiges Zwischenziel war Oxelösund. Hier wollten wir uns erneut ein wenig Proviant besorgen und das erste doofe Wetter absitzen. Regen und Starkwind waren für den Abend angekündigt.
Gegen Mittag lösen wir die Leinen vom Fels, gehen Heckanker auf und tuckern gemächlich aus der Bucht. Unser heutiger Weg führt uns noch einmal durch die Schärenwelt mit teilweise sehr engem und verwinkeltem Fahrwasser.



Der letzte Ostwind ist schwach, er bleibt meistens unter 10 Knoten (3 Beaufort). Wir bummeln mit 2-3 Knoten Geschwindigkeit zwischen den Inseln hindurch und genießen die Langsamkeit und Ruhe.

Dann, mit erreichen von Oxelösund, der Kulturschock. Das erste Stadtbild vom Wasser aus ist durch die große Industrieanlage geprägt.


Harry berichtete schon auf seiner Herfahrt darüber (klick).
Ich - für meinen Teil - bin leicht entsetzt. Neben dem stärker werdenden Wind, der im Rigg heult, ist der Lärm des Hafenbetriebs nicht mehr zu überhören. Da hilft auch der beschauliche Anblick der Altstadt kurz vor dem Hafengelände nicht wirklich weiter.


Nach vier Stunden und gut 13 Seemeilen, mit  teilweise sehr gemütlicher Segelbummelei, ereichen wir den Zielhafen.
Bei der Anfahrt auf den Stadthafen machen wir das Boot klar zum Anlegen an Steg und Mooringboje. Über eine eventuelle Platzsuche brauchen wir uns keine Gedanken machen - der Gasthafen ist komplett leer.


Und bereits geschlossen - Saisonende!
Zum Glück sind Wasser- und Stromversorgung noch intakt. Aber ansonsten - nichts und niemand. Der Automat zum Bezahlen des Liegegeldes regiert auf keine Eingabe mehr, ein Briefkasten oder ähnliches zum Hinterlegen des Geldes in bar haben wir auch nicht gefunden. Somit bleiben auch alle Sanitäranlagen für uns verschlossen. Mhm ... na gut. Dann eben alles an Bord, aber sonst gratis.
Sicher ist, das wir hier nicht länger als diese Nacht bleiben werden. Der Steg ist dem Schwell der auflaufenden Wellen ausgesetzt und rupft an den Leinen unserer Ari. Mehrfach stellen wir diese nach, bis Harry irgendwann eine akzeptable Lösung findet. Während draussen Starkwind und Regen durchziehen, machen wir es uns unter Deck so gemütlich, wie es auf dem stark schwankenden Boot und dem Lärm vom Hafen nur geht.


11.09. Mittwoch

Bloß weg hier. Kurz vor 10 Uhr lösen wir die Leinen und verlassen den Hafen.
Der Wind kommt zwar bereits westlich, lässt uns aber anfänglich noch segeln. Von den angesagten starken Böen mit bis zu 22 Knoten Wind bekommen wir dank der vielen Inseln nichts ab ... und vermissen es auch nicht.

Unser letztes gemeinsames Ziel heißt Nyköping und liegt nur gute zehn Seemeilen nordwestlich von Oxelösund.
Die Anfahrt führt auf den letzten fünf Seemeilen durch ein schmales Fahrwasser. Das  Fahrwasser selbst hat 4-6 m Tiefe, kurz daneben geht es schnell auf knapp einen Meter rauf - ein bisschen wie um Hiddensee herum.
Durch die enge Betonnung sieht der befahrbare Kanal aus wie eine Landebahn:



In Nyköping hat man als Durchreisender die Wahl zwischen dem Gästehafen am Kanustadion vor der Stadt oder dem Stadthafen im Flusslauf der Nyköpingsån. Der Gästehafen kommt für uns nicht in Betracht. Er liegt für die vorhergesagten Winde (bis hin zu Sturm in den nächsten Tagen) viel zu exponiert und ist zudem von anderen Gästen belegt:



Hunderte Wildgänse tummeln sich im Wasser und auf den Stegen. Wie stark allein die Steganlagen verschmutzt sind, möchte ich hier nicht weiter ausführen. Den Gänsen hat anscheinend niemand den Code für die WC-Anlage verraten.

Bevor wir in den Stadthafen einfahren, nutzen wir die günstig gelegene Bootstankstelle, um unseren Dieselvorrat wieder aufzufüllen.
Erst die EC- oder Kreditkarte hinterlegen ...

... dann kann man tanken.
Komischerweise stoppt bei knapp 80 Litern die Tanksäule. Entweder war der Tank der Tankstelle leer oder mein Konto ... puh, mein Konto war es erfreulicherweise nicht. Egal, viel mehr hätten wir eh nicht benötigt.

Anschließend gingen wir an den Holzpier des Stadthafens. Hier gefällt es uns schon viel besser:


Das ist schon wichtig, denn hier werden Harry und Ari aus organisatorischen und aus wetterbedingten Gründen jetzt ca. eine Woche bleiben..
Nach langem Suchen und Fragen wurden auch die wichtigsten Fragen geklärt:
Wo ist der Hafenmeister? Kann Ari hier liegen? Wie kommen wir an Landstrom? Sind die Wasserschläuche frei nutzbar?
Das Hafenbüro ist gerade für drei Wochen geschlossen, gezahlt wird über eine Webseite, die Kästen für die Stromversorgung sind nicht verschlossen und die Wasserhähne nicht abgestellt. Als das klar war, löste sich die letzte Anspannung. Alle notwendigen Versorungspunkte waren geklärt Jetzt konnten wir anfangen, die Stadt zu genießen.


12.+13.09. Donnerstag+Freitag,  Nyköping

Als ich endlich aus der Kajüte durfte, empfing mich Harry mit einem liebevoll geschmückten Geburtstagstisch.

Ja, so müde, wie ich da noch aussehe, war ich auch :-)
Nach dem Frühstück machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden.


Die Stadt hat viel Kleinstadtcharme. Nyköping ist aber auch Residenzstadt von Sörmland, also politisches Zentrum dieser Provinz. Sie hat sogar einige Zeit als Schwedens zweite Hauptstadt gedient. Nyköping wurde schon 1187 gegründet und ist damit eine der ältesten Städte Schwedens. Es ist eine Stadt mit viel Geschichte, man merkt das überall. Aber auch die Lage am Flusslauf der Nyköpingsån wurde von den Stadtvätern für schön angelegte Parkanlagen genutzt. In Nyköping findet man viele Restaurants, Cafés und kleine Geschäfte. Im Hafen kann man Eis und Krabben kaufen und auf einem anderthalb Kilometer langen schwimmenden Steg am Kanustadion entlang spazieren gehen.

Der erste Weg ging zur Burg "Nyköpingshus" - eine kleine Burg mit Geschichte.












Um 1521 kämpften die Sörmländer hier unter Lars Pedderson für die Freiheit Schwedens.










Eine weitere Geschichte um diese Burg lautet so:
Im Dezember 1317 hat König Birger Magnusson (1280 – 1321) seine jüngeren Brüder Erik und Valdemar, die zuvor über Jahre hinweg gegen ihn intrigiert hatten, zum Weihnachtsgelage auf die Burg “Nyköpingshus” geladen. Angeblich im Zeichen der Versöhnung. Als sich die Brüder nach dem üppigen Festmahl am Abend des 10. Dezember 1317 zufrieden und wahrscheinlich auch leicht angetrunken zu Bett begaben, ahnten sie vermutlich noch nicht, dass dies ihre letzte Mahlzeit gewesen sein sollte. Noch dazu eine, die als „Nyköpings Gästabud“ (Nyköpings Gastmahl) über Jahrhunderte in die schwedische Geschichte eingehen sollte. Denn noch in derselben Nacht ließ der König sie gefangen nehmen und in den Kerker sperren, wo sie elendig verhungerten. Diese "Intrige" feierte im Jahr 2017 bereits 700. Jubiläum. Die Geschichte dahinter wird hier alljährlich im Juli als Theaterstück vor historischer Kulisse aufgeführt.

Jetzt, in der Nachsaison, hatten wir die Burganlagen ganz für uns allein:



Hier noch ein paar weitere Eindrücke der Stadt aus zwei Tagen Erkundung:



Das Theater von Nyköping



Eine alte Brauerei wurde zum Kunst- und Handwerksviertel


Immer noch mitten in der Stadt


Das ist nicht privat. Übrall am Wasser gibt es die verschiedensten öffentlichen Sitzmöglichkeiten.


Ich wollte doch auch nur mal paddeln ...  Gert Fredricksson, Olympiasieger 1948 und Sohn der Stadt

Moderne Reihenhäuser am Wasser ...

Auch dies sind neue und moderne Reihenhäuser, allerdings im ländlichen Stil gehalten - die hatten mir sehr gefallen

Morgen (Samstag) endet mein Urlaub und ich muss Harry und das Boot zurücklassen. Am frühen Nachmittag geht es mit dem Flixbus nach Stockholm-Arlanda und von dort mit dem Flieger nach Berlin. Ein Abschied, der mir schwerfällt. Ich hätte Ari schon sehr gerne noch mit bis in den Heimathafen gebracht.
Wir sind in den gemeinsamen fünf Wochen 460 Seemeilen in der Schärenwelt von Schweden, den Ålands und Finnland gefahren und haben 19 verschiedene Häfen und Ankerbuchten besucht. Ich nehme viele schöne Erinnerungen mit nach Hause.

Aber Harry bleibt nicht lange allein an Bord ... nein, nicht die Hafenmädchen 😃 Er wird bestimmt darüber berichten, lasst euch überraschen.


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