Mein Törn fällt heute sehr kurz aus. Genau sind es 2,98 Seemeilen die ich unter Motor fahre, um die Batterien ein wenig aufzuladen.
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Seezeichen: Steuerbordseite (rechts) des Fahrwassers
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Durch diesen Naturkanal kam ich gerade. Einige zig Meter breit, hat die befahrbare Rinne stellenweise nicht mehr als etwa 10 Meter Breite. Erkennen kann man den richtigen Fahrweg nur auf der Seekarte.
Das Ankermanöver gelingt mir auf Anhieb. Ich habe gelernt und setzte jetzt grundsätzlich zwei Anker ein. Komisch: kaum macht man es richtig, schon funktioniert es.
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| mein heutiger Ankerplatz |
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Noch nie habe ich irgendwo
so viele Libellen gesehen wie in diesem Urlaub.
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Gut, das ich keine Libelle
bin
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Die Engländer tun das Selbe und so treffen wir uns zwischen beiden Yachten zufällig wieder. „Would you like to have some coffee with us?“ lächelt mich die junge Frau an. Na und ob ich like. “Yes, that would be great. No or later on?” “Whenever you want.” Hallt es zurück. “Okay now, I follow you” gebe ich zurück und folge.
Ihre Yacht, die September Moon, ist aus den Siebzigern und noch komplett aus Holz gefertigt. Eine Ketch, 15 Meter lang und knapp 4 Meter breit. Eine Ketch ist ein Zweimaster mit Großmast vorne und einem deutlich kleineren Besanmast hinten. An Bord sieht alles sehr schiffig aus. Also diese Kombination aus altem, gediegenen Interieur aus heller Eiche, das liebevoll wiederaufgearbeitet ist und durch moderne Technik dort ersetzt wird, wo es heute Usus ist. Zwölf Jahre hätten sie daran gearbeitet und dies sei der erste große Törn. Stolz wird mir alles gezeigt. Auch die Technik. Er, so etwa in meinem Alter, ist selbständiger Yachtbauer und als er merkt, dass ich mich auskenne, ist er nicht mehr zu bremsen. Der Kaffee wird schon langsam kalt, als wir uns hinsetzen. Es gibt leckere Haferkekse mit Schokolade dazu und dann geht es weiter.
Wir unterhalten uns auf Englisch über das Segeln, typisch British und Deutsches, die Ökonomie, die EU, natürlich den Brexit und in der Tat über Gott (Glaubensfragen in der EU) und die Welt. Zum Abschied schaut er lachend seine deutlich jüngere Frau an, schüttelt den Kopf und sagt: „Never talk about politics, religion and sex, if you meet someone first“. Wir waren uns einig, genau das hat es so interessant gemacht. Als ich nach fünfminütigem Paddeln wieder auf der Ari bin, schaue ich auf die Uhr, es ist kurz vor 18:00 Uhr. War ich da tatsächlich gerade viereinhalb Stunden an Bord?
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Rechts, die September Moon
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| Etwas für Wolkenliebhaber ... |
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| Abendstimmung gegen 21.30 Uhr |
Dienstag, 23. Juli
Ich wache kurz nach 8:00 Uhr auf. Der Himmel ist wolkig und es nieselt. Nach dem ersten Kaffee ist der Himmel immer noch wolkig, aber der Regen hat aufgehört. So sollte es für heute auch bleiben.
Nachfolgend mein heutiger Törn Plan. Ich befinde mich dort, wo das rote Dreieck ist und habe vor, die Punkte 5 – 17 entlang, meine heutige Ankerbucht (siehe Zielflagge), anzufahren.
Gesamtdistanz 12 Seemeilen, zehn davon kann ich unter Vorsegel bei wenig Wind in vollen Zügen genießen.
Ich starte um 10:00 Uhr und werde um 13:57 Uhr fest vor Anker in der neuen Bucht liegen.
Unterwegs fotografiert ein entgegenkommender niederländischer Segler intensiv die Ari. Es kann nur wegen des orangefarbenen UV-Schutzes an unseren neuen Segeln sein. Seine Nationalfarbe. Vielleicht haben wir damit ja doch einen Trend gesetzt. Hinzu kommt, dass ich heute auch noch in einer orangen Jacke steuere.
Das sieht nach erstaunlich viel Verkehr aus, verteilt sich aber auf ca. 2 Kilometer Tiefe. Das starke Zoom ist schuld.
Hier genügen auch einige gestapelte und weiß-grün bemalte Granitsteine, um Seezeichen zu sein. Erneut die Steuerbordseite des Fahrwassers.
Ich sitze bequem und entspannt auf meinem selbst entworfenen Steuermannssitz. Ari nickt in den kleinen Wellen mit dem Bug um jeweils etwa 20 cm in die Welle, während sich das Heck, auf dem ich sitze, entsprechend hebt. Drei Sekunden später ist es genau umgekehrt. Erinnert daran, als man noch als Kind auf einer Wippe gesessen hat. Der Himmel ist trübe, aber das Herz strahlt. Bei sanften dreieinhalb Knoten Fahrt dem Ziel entgegen.
Die gerne benutzte Floskel: „Der Weg ist das Ziel“ erhält hier eine tiefe Bedeutung, denn genau das macht diese Art von Segeln aus. Wie oft hat man schon überlegt: „Wie komme ich am schnellsten von A nach B?“. Eben noch in A, gierst Du darauf in B zu sein. Das „nach“ zwischen beiden ist bedeutungslos und allenfalls lästig. „Wenn ich nur schon da wäre!“ Während wir uns im „nach“ bewegen haben wir oft Zeit, die wir nicht als freie Zeit, sondern als eine Art von Belastung ansehen. Die Zeit oder besser dieser Zeitraum scheint still zu stehen. Er wird als nutzlos erachtet, obwohl er genau das nicht ist. Doch wir empfinden, dass uns das „nach“ Zeit stiehlt, die wir anderweitig lieber einsetzen würden. Was für eine Absurdität! Das einzig Wichtige ist, endlich in B anzukommen, weil dort die Zeit weiter läuft mit irgendeiner Art von Aktivität auf die wir uns konzentrieren. Gehetzt geht es dort weiter. Beim Segeln spielt als eine der wenigen Ausnahmen, die ich kenne, das „nach“ im Sinne des unterwegs-seins, die wesentliche Rolle. Das in B ankommen ist nur Mittel zum Zweck, um weiter unterwegs „nach“ C zu sein. Hierdurch erzielt man durch Segeln eine Art therapeutischer Wirkung in der Wahrnehmung. Ich schweife ab.
Es ist Mittag und Zeit für mein Frühstück. Da ich unterwegs bin, gibt es eine Schale fertigen Vanillepudding und Müsli. Das lässt sich bequem hinter dem Steuerrad genießen, während man ab und zu die Knöpfe des Autopiloten bei erforderlichen Richtungsänderungen drückt.
Kurz vor dem Ziel
Nachdem ich vor Anker liege, erkunde ich mit dem Kajak die Umgebung. Ich stelle fest, dieser Ort ist ein Leckerbissen auf meiner künstlerischen Speisekarte und Fotoapparat und Filmkamera haben ausgiebig zu tun, um meine Eindrücke festzuhalten.
Ein paar Impressionen …
So wie der Abend endete, begann der neue Tag. Da kann man nicht meckern …
Mein Guten-Morgen-Ritual …
Wir haben heute Morgen 22°C im Schatten. Ich lasse meinen Blick einmal um 360° schweifen. Nur Natur. In der Ferne sind vereinzelt Yachten unterwegs. Aus einem Seitenarm „meiner Bucht“ fahren ebenfalls einige Boote ab. Auf zu neuen Zielen.
Wieder einmal bin ich auf Sichtweite völlig alleine. Ari schwojet sanft zwischen beiden Ankern. Schwojen bezeichnet das Hin- und Herdrehen eines Schiffes im Wind und/oder Strömung vor Anker. Zeitweise herrscht völlige Stille, dann ab und zu eine kurze krächzende Unterhaltung einiger Möwen, aus dem Inselwald glaube ich das Rufen einer Amsel gehört zu haben. Dann ist es wieder ruhig. Seichter Wind. Unweigerlich atme ich tief durch und mir kommt eine Frage in den Sinn: „Wenn du jetzt und hier etwas verändern könntest, was würde ich tun?“
Ich muss eine Weile überlegen und komme zu dem klaren Ergebnis: „Nichts!“ Alles ist perfekt! Natürlich könnte man dieses Erlebnis mit einer Person des Herzens teilen oder sich Weltfrieden wünschen. Aber das meine ich nicht. Auch mit ein paar Millionen auf dem Konto lässt sich das, was du hier auf Low-Budget-Niveau genießen kannst, nicht verbessern. Diese Erkenntnis haut mich um.
Nachfolgend habe ich mal den Törnplan bis Stockholm vereinfacht und zusammengefasst Bis Stockholm sind es noch 160 Seemeilen, wenn ich das Geschlängel um die einzelnen Schären rechnerisch weg lasse. Mir bleiben, gerechnet ab morgen, Donnerstag, 16 Tage bis ich dort sein möchte. Das macht durchschnittlich 10 Seemeilen am Tag. Ich kann also im Relax Modus weiter machen.
Bleibt mir gewogen und weiterhin neugierig.






















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