Montag, 22. Juli 2019

19.-21.07.2019 _Ankern in den Schären-Teil1





Freitag, 19. Juli. Es ist fast 12:00 Uhr, als ich in Figeholm am Freitag die Leinen losmache. Zuvor hatte ich noch Wasser gebunkert, denn jetzt liegt ein wirklich schöner Teil des ostschwedischen Schärengartens vor mir und ich möchte dort unbestimmte Zeit vor Anker verbringen.

Ari hat zwei Wassertanks mit 210 ℓ und 150 ℓ. Das sollte für mich alleine bequem für 10-14 Tage reichen. Einen Großteil des Wassers, das wir zu Hause verbrauchen, geht in bester Qualität durch die Toilette in die Kanalisation. Was für eine Verschwendung. Ari benutzt zum Spülen Seewasser, weswegen die Süßwasservorräte ausschließlich zum Kochen und für die Körperhygiene benötigt werden. Beherzigt man dann noch die Philosophie, keinen Tropfen dieses Vorrates ungenutzt abfließen zu lassen (also zum Beispiel beim Händewaschen den Hahn zu schließen, solange ich die Hände in Wasser und Seife reinige) so stellt man fest, dass 360 Liter Wasser ein üppiger Vorrat sein können. Ich gebe zu, nach einem langen Winter muss ich das mit Beginn der neuen Saison auch erst immer wieder lernen.




Mein heutiger Törn wird mich nur etwa 10 Seemeilen weiter, in eine von mir anhand der Seekarte ausgesuchte Bucht führen. Ob diese dann alle Ansprüche in Bezug auf den Schutz vor Wind und Welle, aber auch der Landschaft, erfüllt, bleibt immer eine Überraschung bis man vor Ort ist. Bis dahin habe ich einen interessanten Weg durch die Schären vor mir.


Ein Amerikaner ... der ist wohl schon etwas länger unterwegs.

Vielleicht noch einmal kurz etwas zum Begriff. Eine Schäre ist eine felsige Insel, die in der Eiszeit entstand. Genauer gesagt schliffen die eiszeitlichen Gletscher die darunter befindlichen Felsen, hier in Schweden überwiegend Granit, glatt. Als sich das Eis in der
Warmzeit wieder zurückzog, kamen diese sehr typischen Felseninseln zum Vorschein. Die meisten dieser Schären haben nur einen Durchmesser von einigen zig bis einigen hundert Metern. Manche „Stümpfe“ die noch gerade so aus dem Wasser schauen, sind nicht größer als ein Fußball. Über dem Wasser erheben sie sich meist nur für wenige Meter. Viele dieser Felsen reichen aber auch nur bis knapp unter die Wasseroberfläche, weswegen dieses Gebiet nicht ohne Seekarte befahren werden kann. Die vorhandenen Seezeichen unterstützen die Orientierung. Als Ortsunkundiger kann man sich jedoch nicht ausschließlich an den Seezeichen orientieren.




Nach knapp 12 sm und einer Fahrzeit von rund zweieinhalb Stunden liege ich bereits in der Zielbucht. Meine Laune ist gut, denn ich konnte zwischendurch noch unerwartet für drei Meilen segeln. Landschaftlich bin ich mit dieser Bucht sehr zufrieden. Mehrere kleine Inseln mit wiederum kleinen Buchten umschließen diese Bucht, die nur nach Südost geöffnet ist. Von dort kommen allerdings Wind und Welle. Nicht sehr stark, aber glücklich bin ich mit meinem Ankerplatz in dieser Beziehung nicht. Abwarten …



Ich lasse mein Kajak zu Wasser und erkunde die Gegend. Das Kajak kompensiert für mich die teilweise mangelnde Bewegung auf einem Segelboot und ermöglicht es, in Bereiche vorzudringen, die nur mit wenig Tiefgang erreichbar sind. Dort hoffe ich, ausgerüstet mit Film- und Fotokamera, einige Aufnahmen der Tier- und Pflanzenwelt machen zu können. Nicht speziell an diesem Ort, sondern generell, wenn ich unterwegs bin.



Gelegentlich mache ich auch reine Tonaufnahmen. Für meinen Teil stelle ich fest, dass wir durch das hohe Angebot an zum Teil wirklich hervorragendem Film- und Fotomaterial einen gewissen Grad der Sättigung erreicht haben. Zwischenzeitlich muss ein neuer Film noch etwas grellere Farben haben als die vorherigen und Fotos werden am PC bis zum geht nicht mehr verfälscht, um sich irgendwie noch von der Masse abheben zu können. Das sieht eine Weile lang sogar originell aus. Für mich ist es jedoch an der Zeit, gelegentlich die Kopfhörer aufzusetzen und mir die Geräuschkulisse eines meiner vergangenen Urlaubsorte anzuhören. Ein faszinierendes Erlebnis, weil dein Hirn zu diesem Klang wieder Bilder aus der Erinnerung zaubert, die du längst vergessen zu haben schienst. Ich schweife ab …




Am frühen Abend entscheide ich mich doch noch, den Ankerplatz zu wechseln, da ich dem Frieden nicht traue und Wind und Welle doch mehr an Ari zerren, als es mir während des Schlafes lieb wäre. In Sichtweite liegt eine halbe Seemeile entfernt eine weniger schöne, dafür aber sicher scheinende Bucht. Der Liegeplatz ist dann sogar schneller gewechselt als gedacht, denn bereits nach 18 Minuten bin ich dort fest vor Anker und schalte die Maschine aus. Hier werde ich beruhigt die Nacht verbringen können, sage ich mir. Doch ganz so entspannt war es zunächst nicht. Unter Deck konnte ich ein dumpfes, polterndes Grollen vernehmen. Bin ich auf Grund gelaufen? Nein, das hätte man im Boot stehend fühlen können. Es kam von vorne und war in der Bugkajüte deutlicher zu hören. Eine Weile war es ruhig, dann wieder für eine oder auch mehrere Sekunden da. Es hört sich an, als würde der Anker zweitweise über den blanken Granit rutschen, dachte ich. Ich ging ins Cockpit und verglich die Aufzeichnungen von Plotter, Logge und AnkerApp. Der Plotter zeigte laut GPS eine Geschwindigkeit von 0,1 Knoten, während Logge und AnkerApp mir Stillstand signalisierten. Gut, eine GPS Abweichung ist möglich, da mich in der Vergangenheit auch zu Hause sitzend mit bis zu über zwei Knoten fortbewegt hatte – laut GPS. Allerdings immer nur für den Sekundenbruchteil und nicht dauerhaft. Man überlegt und versucht den Denkfehler zu finden. Doch es grollte im Untergrund nach wie vor zeitweise weiter und die drei Instrumente gaben die immer identische Auskunft. Ich ging auf dem Deck zum Bug und legte Hand an die Ankerkette. In der Tat, sobald das Geräusch auftrat, zitterte die Kette fühlbar. Das Geräusch selbst war hier draußen nur ganz leise zu hören. Drinnen in der Bugkajüte liegt man halt wie in einem Streichinstrument. Jede Vibration, die eine Saite erzeugt, wird vom Klangkörper verstärkt. Der Bootsrumpf ist hier der Klangkörper, welcher an der Kette hängt und das war auch gleichzeitig die Lösung. Es war nicht der Anker der rutschte, sondern die Kette, die sich zwischen Anker und Boot gespannt, über die Steine und Felsen im Untergrund bewegte und ihre Vibrationen auf das Boot übertrug. Das klang innen gruselig, ließ mich nach der Erkenntnis aber trotzdem gut schlafen.





Es ist Samstag, 20. Juli. Nachts gegen 3:30 Uhr werde ich wach und kontrollieren noch einmal den Anker, als auch die AnkerApp, welche zuletzt einwandfrei funktionierte. So auch heute. Alles in Ordnung. Wir haben um diese Zeit noch 17°C und die Sonne wird in einer knappen Stunde aufgehen. Das begieße ich mit einem „Sunsetter“ in diesem Fall ein Glas Waldbeersirup mit Mineralwasser, mache noch schnell ein Foto vom bevorstehenden Sonnenaufgang und dann aber wieder ab ins Bett. Das ist nicht meine Zeit.




Kurz nach 9:00 Uhr stehe ich auf. In Shorts und mit einem Pott Kaffee in der Hand, setze ich mich ins Cockpit. Was für ein Morgen. Die Sonne scheint. Es herrscht fast völlige Stille. Leise streicht in Böen der Wind hinter mir über die Sprayhood und ganz leise plätschern kleinste Wellen an das Boot. Etwa 150 Meter entfernt streiten sich gerade einige Kormorane mit Möwen um den Ansitz auf einem Kleinwagen-großen Felsen, der aus dem Wasser ragt. Die Kormorane gewinnen zu meinem Erstaunen. Gut, es war nur eine relativ kleine Möwenart. Egal, es herrscht wieder Ruhe.








Um Punkt 11:00 Uhr lasse ich den Motor an und trage alle relevanten Daten in das Logbuch ein. Ideales Wetter für einen sehr entspannten Segeltag. Doch ich habe es erneut nicht weit und möchte bis zu meinem Ziel in rund 6 Seemeilen den Motor laufen lassen, um meine Batterien zu laden und später heißes Wasser zum Duschen zu haben. Eigentlich hieße es richtig: „Die Batterien von Ari laden“, denn meine laden sich am besten beim Segeln.




In einer mir bereits bekannten Bucht soll der Anker fallen. Ich suche mir unter den noch freien Ankerplätzen eine Nische aus, die ich für mich alleine habe. Ja auch in Schweden gibt es in schönen Buchten schon einmal Gedränge unter den Booten, zumindest am Wochenende und in der Hochsaison. Wir haben gerade beides. Der Anker fällt, ich gebe Kette, mehr Kette, setze weiter zurück, noch mehr Kette, aber Ari vertreibt mir in Wind und Strömung völlig nach Steuerbord. Dort aber liegt das Ufer und auch einige Felsen. Diese sowohl über als auch unter Wasser. Ein Schwede hätte jetzt schnell seinen vorbereiteten Heckanker eingesetzt. Dieser liegt bei mir aber noch in der Backskiste (sozusagen der Kofferraum einer Yacht) zwischen den Fendern begraben und müsste für den Einsatz auch erst einmal vorbereitet werden. Dafür ist jetzt keine Zeit. Ich gebe noch mehr Kette und es gelingt mir, Ari in eine Minibucht zwischen den Felsen zu platzieren, doch die Wassertiefe reicht nicht mehr aus und ich habe leichten Grundkontakt. Der Bug geht in der Nächsten Böe nur wenige Zentimeter an einer Felskante vorbei. Immer wieder hat der 1,80 m tiefe und 2,5 Tonnen schwere Stahlkiel leichten Grundkontakt. Das kann er ab, sage ich, um mich zu beruhigen und stelle fest, dass ich mich in eine unangenehme Situation manövriert habe, aus der ich aus eigener Kraft nicht ohne weiteres heraus kommen werde.


Taktische Überlegungen sind jetzt von Nöten. Eine kurze Weile habe ich in dieser Position noch Zeit, aber über Nacht so zu liegen – undenkbar.
Zunächst schaue ich mir den Seewetterbericht für diesen Standort noch einmal genau an. Morgen ab 16:00 Uhr soll der Wind von derzeit Südsüdost auf West drehen. Das würde meine Situation deutlich entschärfen, doch darauf allein kann ich nicht warten. Ich beschließe zunächst, den Heckanker einsatzbereit zu machen. Dieser 16 kg-Anker hat 5 m Kettenvorlauf, an dem dann eine Ankerleine (z. B einer der Festmacher) befestigt wird. Ich knote einen 30 m Festmacher an die Kette und belege das Ende des Festmachers am Heck der Ari. Ich lasse das Kajak zu Wasser und befestige es ebenfalls am Heck. Das Doppelpaddel liegt bereit und der Festmacher muss so platziert werden, dass er sich vom Wasser aus knotenfrei von Deck ziehen lässt. Jetzt bloß keinen Gedankenfehler machen.

Die nächste Herausforderung ist es, den 16 kg Anker samt Kette in das Kajak zu bekommen. Die Frage ist nämlich: Wer steigt zuerst ein? Da das Heck der Ari etwas zu hoch ist, um im Kajak sitzend den Anker herunterzuheben, muss der Anker zuerst ins Kajak. Als ich dazusteige, muss ich mir irgendwie den Anker vom Sitz auf die Oberschenkel heben, während ich mich gleichzeitig unter dem Anker hindurch auf den Sitz setze und irgendwie gelingt mir das auch. Die 5 m Kette befinden sich in einem Eimer, den ich mir dann noch zwischen die Beine ins Kajak bugsiere. Das andere Ende des 30 m Festmachers halte ich in der rechten Hand. Zuletzt greife ich noch das Doppelpaddel und los geht’s gegen Wind und Strömung an eine Stelle, die ich für das setzen des Ankers geeignet halte. Ich werfe den Anker über Bord ohne mich im Kajak selbst zu versenken. Hauptsache die Kette, die zwischen meinen Beinen durchschießt, bleibt nicht irgendwo an mir oder den Kajak hängen, schießt es mir durch den Kopf. Doch der Anker samt Kette erreicht den ca. 6 m tiefen Grund und auch der Festmacher hat sich sauber vom Bootsdeck herunterziehen lassen. So weit so gut. Ich paddle zurück zu Ari, gehe an Bord und setze die Ankerleine durch. Das Ende habe ich jetzt auf die Winsch gelegt und so kann ich Ari Umdrehung für Umdrehung in Richtung Anker und damit weg vom Ufer ziehen. So schaffe ich mir zunächst wenige Meter Luft zu den Felsen, die das Boot zuletzt immer wieder sachte berührt hatte. Das genügt für´s Erste. Den Rest erledigt hoffentlich morgen der Wind.



Sonntag, 21. Juli: Mit meinem obligatorischen Kaffee sitze ich gegen 8:15 im Cockpit. Das Wetter ist trüb, dennoch haben wir 21°C, konstant wie jeden Tag. Der Wind hat deutlich nachgelassen und auch die Wasserströmung scheint es gut mit mir zu meinen. Statt am Nachmittag, dreht der Wind bereits gegen 10:oo und schiebt jetzt leicht von Steuerbord schräg vorn. Das nutze ich und setze beide Anker noch einmal kräftig durch, was mich mit dem Heck wenigstens 15 m weit Richtung Backbord aus der Gefahrenzone bringt. Jetzt bin ich wieder entspannt. Genau so wollte ich gestern geankert haben!



Im Anschluss gönne ich mir eine Kajaktour. Obwohl es zeitweise regnet, bin ich überwältigt wie schön es hier ist. Ob ich mich hier im Reich tausender von Inseln oder aber in einem endlos scheinenden Labyrinth von Wasserwegen befinde, liegt ganz im Auge des Betrachters.



Hinter jedem Granitfelsen, manchmal bewachsen oder sogar bewaldet, manchmal kahl, erschließen sich neue Verzweigungen der Wasserfläche und weitere Inseln tauchen auf. Keine sieht aus wie die andere. Alle unterschiedlich in Größe und Bewuchs. Mittendrin immer wieder Reiher, Möwen, Kormorane, Windgänse und Kleinvögel. Auf den Schären wiederum Inseln aus Wildblumen. Ausgedehnte Schilfbestände und die unterschiedlichsten Arten von Gräsern stehen im Wasser, das hier einige Meter und dort nur Zentimeter tief ist, so dass ich hier und da selbst mit dem Kajak aufsetze. Wegen des schlechten Wetters filme ich ausschließlich mit der GoPro. Daher mal keine Fotos.
Ich fühle mich gerade wie die frühen Eroberer sich gefühlt haben müssen, die in der Ferne das neue Land entdeckt haben, während Ari und die anderen Boote vielleicht nur 500 m Luftlinie entfernt liegen. Hier wäre ich gut bedient gewesen eine Navigationshilfe mitzunehmen, denn auf dem Rückweg merke ich, dass man hier ganz schnell die Orientierung verliert. Doch ich verlasse mich auf mein Gespür und das trügt mich selten.


Es ist fast High Noon als es Frühstück gibt. Kohldampf habe ich – aber richtigen!
Die meisten Yachten haben heute Vormittag das Idyll verlassen.


Inzwischen ist es so gut wie windstill. Nur die Regentropfen durchbrechen die sonst spiegelglatte Wasseroberfläche, ansonsten – völlige Ruhe. Kein Vogelpieps, kein menschlicher Laut, kein anderes Boot in Sicht. Ich fühle mich völlig alleine und tief zufrieden. Ich bin angekommen – in meinem Abenteuer.








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