Donnerstag, 18. Juli 2019

16.07.2019_Kalmar-Figeholm

Es sollte ein besonderer Tag werden. Um 8:06 trage notiere ich im Logbuch „Motor an“. Jetzt heißt es erst einmal aus meinem Notliegeplatz wieder heraus zu kommen. Einen Plan, welche Leinen ich wie bediene, um nicht auf meinen Motoryacht-Nachbarn aufzulaufen, haben ich während des Frühstücks festgelegt. Der Wind kommt mir zwar entgegen, nur aus der falschen Richtung. Zum Glück soll er erst später auffrischen.

Wusstet ihr – man unterscheidet beim Segeln drei Sorten Wind?:
- zu schwachen,
- zu starken und
- Wind aus der falschen Richtung kommt.

Gott sein Dank ist mein schwedischer Nachbar schon wach und stürmt herbei, als er meinen Motor anspringen hört. So haben wir die vier Festmacherleinen, die das Boot halten, schnell nacheinander gelöst, ohne dass ich von Bord muss. Ich bin froh, dass es so gut geklappt hat und er vermutlich, dass ich weg bin. Nein, wir rufen uns freundlichst die in der Seefahrt üblichen guten Wünsche zu und sein Gesichtsausdruck verheißt, dass er das wohl auch so meint.


Rund eine Viertelstunde verbringe ich noch treibend im Hafen, um Fender, Leinen und sonstige Ausrüstung seegerecht zu verstauen. In der Hafenausfahrt kommt mir die Fähre entgegen, die mehrmals täglich zwischen Kalmar und der Insel Öland pendelt. Vermutlich überwiegend um berufstätige Öländer (oder gendergerecht: Auf Öland Lebende) ohne Auto zur Arbeit nach Kalmar und wieder zurück zu bringen.



Es ist ca. 8:30 als ich mich unmittelbar vor der Kalmarsundbrücke, auch Ölandbron genannt, befinde und beabsichtige darunter durchzufahren. Die GoPro läuft am Heck der Ari angebracht. Mit einer zweiten Kamera halte ich in Film und Foto die Durchfahrt fest. Immer wieder ein Erlebnis. Währenddessen, steuert der Autopilot, wie bereits seit der Ausfahrt aus dem Hafen. Just in dem Augenblick, als ich gerade wegen der besseren Filmposition auf der Sitzbank des Cockpits stehe und wir genau unter der Brücke sind, schaltet der Autopilot aus nicht erkennbaren Grund ab. Aufgrund der Drehrichtung der Schiffsschraube in Vorwärtsfahrt, dreht des Heck nach backbord (links), was den Bug in Gegenrichtung, nach steuerbord schiebt. Dort befindet sich aber in weniger als 30 Meter Entfernung einer der vielen Brückenpfeiler. Noch mit der Kamera in der Hand springe ich ins Cockpit und reiße das Steuerrad nach backbord. Das war knapp! Was für ein unglaublicher und dummer Zufall. Nicht, dass der Autopilot noch nie alleine abgeschaltet hätte. Aber ausgerechnet hier? Egal, ohne diese Zufälle gäbe es auch keinen Lottogewinn und genau darauf hofft man doch so ganz nebenbei.
Kurz hinter der Kalmarsundbrücke sieht man am westlichen Ufer eine Baulichkeit, die aus dem Kinoklassiker „Men In Black“ zu stammen scheint. In Teil eins (oder zwei?) versucht einer der extraterrestrischen Bösewichte in einem Raumschiff ähnlicher Bauart die Erde zu verlassen. Natürlich hat er keine Chance gegen Tommy Lee Jones (Kay) und Will Smith (Jay). Aber beurteilt selbst …

Neuer Wasserturm (im Alten wohnen ja jetzt Leute – siehe letzter Blog)

Mit mir sind wieder etliche Yachten in Richtung Nord unterwegs. Alle Segel der vor mir Fahrenden sind gehisst (oder auch: geheisst). Das hole ich jetzt an einer geeigneten Freiwasserfläche nach. Denn wie man an den blauen Flecken auf der Plotterkarte erkennen kann, gibt es hier viele Untiefen, die umschifft werden müssen. Weiß bedeutet: Tiefes Wasser.



Die Segel sind gesetzt und hinter mir kann man noch einmal die Ölandbron sehen.



Bestes Sommerwetter begleitet mich bei einer Temperatur von 21°C. Nur der Wind ist recht schwach. Hier überholt mich gerade eine Allure ähnlicher Größe. Allerdings läuft bei ihr der Diesel in kleiner Fahrt mit. Vielleicht laden sie nur ihre Batterien. Allure ist eine edle französische Yachtschmiede, die ausschließlich Aluminiumyachten herstellt. Hier schwimmen geschätzt gerade eine halbe Million Euro an mir vorbei. Ein klein wenig Neid sei mir da gegönnt.


Im Hintergrund kann man jedoch bereits sehen, dass schlechtes Wetter aufzieht. Klassische Regenwolken und mögliche Gewitter waren im Seewetterbericht ebenfalls angesagt. Zeit das sogenannte Ölzeug (auch wenn heute alles aus Goretex oder Analogmaterial besteht) anzuziehen.
Es ist gegen 9:3o Uhr, und ich mache gerade noch 2,6 kn Fahrt (4,8 km/h), Tendenz fallend.

Gegen 9:45 Uhr briest es plötzlich auf, um 10:oo Uhr ist der erste Regen da. Doch nach einem kurzen Schauer und Böen um 13 kn (4 Bft) ist um 10:15 Uhr schon wieder Ruhe und es geht mit 3,5 kn Fahrt weiter. Eigentlich hatte ich für heute mit einem kompletten Segeltag gerechnet und ich will, auch wenn es jetzt nicht mehr danach aussieht, zumindest den größtmöglichen Teil der Strecke segeln, auch wenn mich das bei diesem Tempo viel Zeit kosten wird. Aber die habe ich ja auch.

Der Plotter piepst wie ein Telespiel. Für die Jüngeren: Bevor es Computer gab, erfanden kluge Leute eine Möglichkeit, wie man mit Hilfe simpler Gerätschaften, heute würde man Konsole und Joystick dazu sagen, auf dem Fernseher eine Art Tennismatch austragen konnte. Bei jeder Ballberührung gab es ein Pieps. Und weil man es am Fernsehgerät spielte, hieß es Telespiel.

Der Plotter piepste also wie ein solches obwohl der Touchscreen (Berührungsbildschirm) ausgeschaltet war. Offensichtlich lief der Bildschirmfehler im Hintergrund unsichtbar weiter während der Begleitton nicht abschaltbar war. Super. Zumindest wusste ich jetzt, dass der Plotterfehler nicht ausschließlich von Wärme und Sonneneinstrahlung abhängig sein konnte. Da muss also ein neues Display her. Die Mitarbeiter von Raymarine hatten uns hierfür auch schon bereits einen „Freundschaftspreis“ von rund 850,- Euro avisiert (mit oder ohne Einbau?). Ich schweife ab.

Drei Segler sind inzwischen an mir unter Motor und ohne Segel vorbeigefahren. Soll ich auch die Segel einholen und die Maschine anwerfen? Ich ringe mit mir, aber der Wind ist einfach zu schwach und ich habe gerade einmal 7 sm (rd. 13 km) von insgesamt mehr als 55 sm (gut 100 km) in über zwei Stunden geschafft. Da ich noch im Hellen ankommen möchte, trage ich in mein Logbuch: 10:3o, Motor an und natürlich all die weiteren Daten die die „Gute Seemanschaft“ erfordert. Das sind Uhrzeit, Windrichtung, Windstärke, Wellenhöhe, Strömung, Bezeichnung des Wetters (Wolkenanteil, Regen, Sichtweite), Luftdruck, Lufttemperatur, Kurs in Grad, Log (Geschwindigkeit in Knoten), bisherige Tagesgesamtdistanz, Segeldistanz seit dem letzten Eintrag, Motordistanz seit dem letzten Eintrag, Motorlaufzeit seit dem letzten Eintrag, Segelführung, Motordrehzahl, Kurs zum Wind und last but not least die: Aktuelle Position nach GPS in Winkelgrad und Winkelminuten Nord (Latitude), sowie Winkelgrad und Winkelminuten Ost (Longitude). Der Eintrag ins Logbuch erfolgt stündlich, spätestens alle zwei Stunden, bzw. nach dem Wechsel von Motorantrieb auf Segel oder umgekehrt. Daher wird einem auf See nie Langweilig. Wer das kontrolliert? Grundsätzlich niemand! Doch bei einer Havarie ist ein dauerhaft und sorgfältig geführtes Logbuch das einzig verfügbare Dokument, dass du zwar selbst ausgestellt hast, dir aber hilft glaubhaft zu machen, nach dem Regeln eines ordentlichen Seemannes, Seefrau, Seejungfrau, oder auch einfach eines ordentlichen Seefahrenden, gehandelt zu haben.


Das nächste Schauergebiet liegt „recht voraus“ (direkt in Fahrtrichtung vor mir). Es ist 11:oo und der Wind mit zwei kn weiter schwach. Die sich halbstündlich vollständig ändernden Wolkenformationen sehen zum Teil bizarr aus. Um 11:3o habe ich die Burgruine von Borgholm auf Öland an „steuerbord querab“ (auf der rechten Schiffsseite im Winkel von ca. 90°) in etwa 5 km Entfernung.



Gegen 11.35 beginnt es erneut zu regnen und 1o Minuten später dreht der Wind plötzlich von NW (Nordwest) auf N (Nord), um dann im Verlauf der nächsten Stunde langsam wieder auf W (West) zurück zu drehen. Die Windstärke geht dabei von 17 kn (5 Bft) auf 7 kn (gerade noch 3 Bft) zurück. Das erfordert permanentes Anpassen der Segel, sowohl an die Windrichtung, als auch die geänderte Windstärke, dem Ein- bzw. Ausreffen.



Gegen 12:45 ist dann mal wieder kurz Sonnenschein angesagt. Das Boot trocknet so einigermaßen ab, meine Kleidung ebenfalls. Kurzfristig kann ich meine Regenkleidung ausziehen. Nicht nur die Sonne, sondern auch die Segelmanöver haben mir ordentlich ins Schwitzen gebracht.



13:10 Ein Trio klassischer, schwedischer Motorboote (möglicher Weise Barkassen) kommt mir im Sonnenschein entgegen. Schnell ist der Fotoapparat gezückt …


Meine Geschwindigkeit ist inzwischen unter zwei Knoten gesunken. Die nächsten Regenwolken ziehen auf.




13:30 Uhr: Kaum sind vor dem Regen die Segel eingeholt, steigt im Regen die Windstärke wieder auf 13 kn an. Ich entscheide nicht neu zu setzen und das ist gut, denn bereits wenige Minuten später flaut es wieder ab.

Auf eine kurze Aufheiterung …


… folgt der nächste Regen. Und Wind vertreibt die bestehende Flaute. Das wird sich auch den restlichen Tag nicht ändern. Lediglich die Intensität von Wind und Regen erahne ich derzeit noch nicht.


14:15 Dem Leuchtfeuer „Dämman“ liegt westlich eine kleine Insel gegenüber, auf der ein alter (nicht mehr aktiver) und wirklich sehenswerter Leuchtturm steht. Einen Namen kann ich nicht herausfinden.


Im Hintergrund (oben) eines der Kraftwerke an der schwedischen Westküste des Kalmarsunds.

Recht voraus kann ich bereits in der Ferne die Blaue Jungfrau, eine Insel zwischen Öland und dem schwedischen Festland erkennen. Auf Höhe dieser Insel werde ich westlich Richtung Zielhafen abbiegen können. Doch noch ist es ein weiter Weg, denn ich habe nach rund sechs Stunden Fahrt erst 29,7 nautische Meilen (oder auch Seemeilen) geschafft. Das ist gerade etwas mehr als die Hälfte der Strecke.
Was hier gerade diesen Begeisterungssturm ausgelöst hat ist unklar … , denn es regnet wieder …


Der Wind scheint günstig und ich setze erneut Segel.



14:30: Der Wind dreht plötzlich von NW auf NO, also um rund 90° im Uhrzeigersinn. Das passiert als ich gerade unter Autopilot fahre, weil ich etwas tue, das jeder Mensch nur für sich allein tun kann. Natürlich kann der Autopilot nicht damit umgehen, die Segel schlagen back (also auf die „falsche“ Seite), ich stehe mitten auf der Ostsee. Der Wind schläft wieder ein. Und erneut stelle ich mir heute die Frage: „Warum ausgerechnet jetzt?!“ Da es darauf keine Antwort gibt, heißt es: „Segel einholen!“ und ich hole ein und starte den Motor.
Wind und Wetter kommen und gehen.
Um 15:00 notiere ich mir noch: „Ich bin allein!“ Kein Segler in Sichtweite. Was sage ich? – kein anderes Boot mehr in Sichtweite.
Es ist 15:02. – Jetzt sollte es losgehen. Zunächst notiere ich Wind aus N, 18 kn (5 Bft), die Segel, wenn auch gerefft, sind gesetzt. Und Gott sei Dank sind sie gerefft. Das Großsegel bei ca. 60% seiner vollen Fläche, das Vorsegel (die Genua) bei etwa 40%. Im Durchschnitt fahre ich also mit halber Fläche. Der Wind kommt schräg vorn von backbord (Amwindkurs). Das bedeutet, zur Windgeschwindigkeit musst du deine Bootsgeschwindigkeit hinzurechnen (denn Wind und Boot kommen sich entgegen), um den sogenannten scheinbaren Wind, den man auch fühlt, zu ermitteln.
Der Wind wird immer böiger. Der Windmesser zeigt mit in der Spitze 26,2 kn an. Zuzüglich der eigenen Geschwindigkeit von ca. 6,5 kn, beträgt der scheinbare Wind rund 33 Knoten. Das entspricht einer ausgewachsenen 7 Beaufort. Ab 34 Knoten (8 Bft) ist offiziell von Sturm die Rede.
Damit hatte ich nicht gerechnet. Die gesetzte Segelfläche ist für diese Böen definitiv zu groß. Doch der Autopilot kann unter diesen Bedingungen das Boot nicht mehr steuern. Das geht jetzt nur noch mit viel Gefühl per Hand und Steuerrad. Ari pflügt auf der Seite liegend durch die See, die inzwischen bis zum einem Meter Höhe erreicht hat und wird mit jeder Böe tiefer in die Wellen gedrückt. Umkippen allerdings kann sie nicht. Eine bauartbedingte physikalische Unmöglichkeit. Zumindest bezogen auf die Windstärke.
Meine Aufgabe ist es nun den Winkel zum Wind zu halten, der trotz der zu großen Segelfläche das Boot möglichst aufrecht segeln lässt, ohne dabei zu viel Fahrt zu verlieren. Denn, wenn ich zu langsam werde, kann ich Ari nicht mehr durch die Welle steuern und bleibe irgendwann manövrierunfähig stehen. Zumindest vorübergehend. Der Richtige Winkel ist schnell gefunden und so fahre ich zwar nicht meinen Wunschkurs, aber ich halte Ari stabil am Laufen. Weil ich das Steuerrad jetzt nicht verlassen kann, gibt es auch im Augenblick keine Möglichkeit, etwas an der Segelfläche oder deren Stellung zu verändern. Die GoPro läuft mehr zufällig gerade mit und so entsteht folgenden Foto:


Hier kann man erkennen, dass sich das Deck an Steuerbord bereits bis zum unteren Reelingsdraht unter Wasser befindet. Dieser befindet sich 30 cm über dem Laufdeck. So schiebt das Wasser bereits an der oberen Fensterfront vorbei. Viel mehr geht mit diesem Boot nicht, denke ich mir.

Aber nach rund einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei und nach geschätzten weiteren 15 Minuten hat der Wind so abgenommen, dass ich für den Rest der Fahrt wieder die Maschine anwerfen muss. 

Das gibt mir die Gelegenheit das nachfolgende Foto der Blauen Jungfrau zu schießen. Warum Sie Blaue Jungfrau heißt erschließt sich mir nicht, da der Granit der Insel eine deutlich rote Färbung hat. In der Bronzezeit (ca. 1.500 – 500 v. Chr.) diente diese Insel religiös-kulturellen Zwecken. Im Mittelalter wurde sie von Hexen und Zauberern bewohnt. So gibt es dort entsprechende Felsmalereien in Höhlen, sowie ein von Menschenhand angelegtes Felsenlabyrinth. Klingt mystisch und ist es beim Betrachten irgendwie auch. Vom Ankern an der Insel wird abgeraten. Nicht wegen der Zauberer und Hexen, sondern wegen des steilen und steinigen Untergrundes. Mit einer Fähre lässt sich die „Bla Jungfrun“ jedoch gut erreichen.


Es ist inzwischen 17:00 durch und der Regen hat wieder alles im Griff. Sowohl die Insel als auch die Festlandsküste verschwinden immer mehr im Dunst. Obwohl ich der Festlandsküste jetzt direkt entgegen fahre verschwindet alles hinter dem Regenschleier und ich sinniere darüber, wie man wohl früher ohne die elektronischen Helferlein wieder nach Hause gefunden haben mag. Das waren noch echte Seeleute.
Eine gute Stunde später laufe ich auf Ansteuerungskurs in den kleinen Sund von Fiegeholm, meinem Zielhafen, ein. Rote und grüne Spieren (Seezeichen) weisen mir neben dem Plotter den Weg. Da mir das Regenwetter genau entgegen kommt, läuft mir das Wasser bereits über das Kinn in den Kragen meines „Ölzeugs“. Ich stopfe mir einen nahe gelegenen, noch trockenen, Fleece-Lappen hinein. Das muss für die nächste Stunde genügen.
Kurz vor 19:00 erreiche ich den Hafen von Fiegeholm und der sieht ziemlich voll aus. Ich kann jedoch drei geeignete Liegeplätze für mich ausmachen. Erleichterung.

Doch dann winkt schon der Hafenmeister in seiner grell-gelben Warnweste und zeigt mir einen anderen und sehr schön gelegenen Liegeplatz am hinteren Ende nahe dem Flachwasser. Jetzt liege ich fast im Schilf, habe Wasser und Strom „vor der Haustür“ und freue mich unendlich auf mein Anlegerbier, während ich meine Kleidung erst mal zum Vortrocknen oder besser gesagt zum Ablaufen ins Cockpit hänge. Na, dann Prost!



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen