Freitag, 14. September 2018

13.+14.09.18 Meilen, Meilen, Meilen

Man, hatte ich schlechte Laune. Der Blick auf die Wetteraussichten konnte aber kaum noch eine andere Gefühlsregung hervorrufen - höchstens noch Resignation.
Jedes Wetterfenster, was uns eine Fahrt gen Südwesten ermöglicht hätte, war aus der Prognose verschwunden. Übrig blieb Starkwind, Starkwind und dann noch Starkwind, alles aus Südwest. Allein die Aussicht, fast 200 Seemeilen in Windstärken von 6-7 Beaufort abzureiten, war graulich. Aber nicht mal das war möglich, denn es kam unsegelbar aus unserer Zielrichtung.
So stellte ich, dem Wetter entsprechend, einen abenteuerlichen Törnplan für die nächsten drei Tage auf, um überhaupt ein Stück westlich und auch südlich zu kommen.
Von der südschwedischen Stadt Simrishamn aus sind es nur noch 100 Seemeilen bis nach Neuhof - eine Strecke, die man bei "normalem" Wind auch mal an einem (langen) Tag hinter sich bringen kann. Deshalb ist sie vorerst der Ziel meiner Stossgebete in den schlaflosen Nächten. Auf gehts:

13.09. Bergkrava - Hanö
Gut, ich gebe es zu, meine Törnplanung war ziemlich mit der heißen Nadel gestrickt. Da musste aber auch jedes Grad der vorausgesagten Windrichtungen eintreffen - ha, ha, ha.
Und dann noch diese Frechheit: fast jeder Tag startet verlockend mit Westwind, um dann spätestens gegen Mittag wieder auf Südwest zu drehen. So auch heute. Mit diesem Wissen legten wir kurz vor halb neun aus Bergkrava ab und fuhren, am Industriehafen vorbei, auf den Kalmarsund.

Der hat den richtigen Namen :-)
Es sollte 20 sm weiter nach Sandhamn gehen, dem südlichsten Hafen am Ausgang des Kalmarsunds. Wir hatten vor zu segeln, was zu segeln ging - der Rest wurde notfalls mit dem Motor bewältigt. Für die 20 sm sollten wir nicht länger als 4 Stunden brauchen.
Ich war, dank viel zu kurzer, vergrübelter Nächte, so übermüdet, dass ich wie ein Schluck Wasser im Cockpit hing. Da stellte mich Harry ans Steuer. Recht hatte er: wir hatten idealen Wind, Sonnenschein, keine Welle - perfektes Segelwetter.


Hier wurde selbst ich wieder munter - aber nach zwei Stunden dann richtig müde. Da wir zu dieser Zeit eh schon auf den Motor umsteigen mussten (kaum Wind und der auch viel zu früh aus Südwest), brauchte man mich nicht wirklich im Cockpit. Wir holten noch zusammen die Segel ein und räumten das Cockpit auf. Während ich mich danach im Salon in Decken und Kissen mummelte, heckte Harry einen raffinierten Plan aus .... er fuhr nicht nach Sandhamn rein, sondern tuckerte Ari munter weiter, rum um die Ecke und rein in die Hanöbucht. Als ich etwas erholter wieder an Deck kam, waren wir schon südlich von Karlskrona. Harry hatte den verrückten Plan, das wir, wenn wir schon unter Motor fahren müssen, gleich eine richtige Strecke erledigen könnten. Die Ziele waren: die Insel Hanö - 32 sm westlich von uns - oder gleich Simrishamn - 54 sm südwestlich unserer Position. Leider kam die Welle für den Kurs nach Simrishamn zu ungünstig. Ari stampfte sich regelmäßig in den größeren Dreierwellen fest. Gen Westen, nach Hanö, ging es besser - also auf nach Hanö.
Später löste ich Harry dann am Steuer ab. Naja, am Steuer ist gut gesagt ... gesteuert hat der Autopilot, man musste nur ihn, den Kurs und die Schifffahrt um uns herum überwachen. Nicht gerade sehr aufregend...

Beeindruckendes Wolkenschauspiel kurz vor dem Ziel
Nach zehneinhalb Stunden legten wir im sehr leeren Hafen von Hanö an. Außer uns lagen hier nur noch ein englisches und ein weiteres deutsches Boot.

Hanö - fast schon Heimathafen. Allein dieses Jahr sind wir schon das dritte Mal hier.

Nach dem Anlegen und Boot klarmachen nur noch schnell einen Pizza-Fertigteig belegt, aufgegessen und uns schnell schlafen gelegt. Boah, waren wir müde.
Nein, wir haben nicht vergessen, das Liegegeld für den Hafen zu bezahlen. In Hanö kommt die Hafenmeisterin noch persönlich zu jedem Boot und kassiert sehr freundlich ab.

14.09. Hanö - Simrishamn
Nach Simrishamn, dem Traum meiner schlaflosen Nächte, war es eigentlich nur noch ein Katzensprung von 30 sm ... wenn der Wind passt. Laut Wetterbericht sollte er das, wenn wir nur früh genug starteten.
So scheuchte uns der Wecker wieder halb sieben aus der Koje und wir mümmelten unser Frühstück. Ausgeschlafen waren wir eigentlich - wir hatten ganze 10 Stunden geschlafen. Sogar ich schlief mal durch, war Simrishamn und damit die Heimat auf einmal doch so nah.
Schon etwas besser in Übung mit "Frühstart" legten wir schon kurz vor acht ab und verließen frohen Mutes den Hafen. Die Wetteraussichten waren wie am Vortag: anfangs Wind aus West, ab Mittags nach Südwest drehend. Wir mussten Richtung ... Südwest, klar.
Wir kamen aus dem Hafen und hatten den Wind - nein - bereits aus Südwest! Der jetzt noch segelbare Kurs wies Bornholm als Ziel aus, an Simrishamn schossen wir so gnadenlos vorbei. Na super, wieder aufkreuzen. Erwähnte ich schon, dass ich das nicht mag ... dieses ewige hin- und hergefahre, doppelte Strecke zurücklegen, dabei die dreifache Zeit raubend?! So sieht das dann aus:



Wie man an dem geraden Streckenverlauf ab ca. Mitte des Tracks sehen kann, ging der Motor schon bald wieder an. Nach 20 sm artig kreuz-gesegelter Strecke wurde aus den angesagten 12-16 Knoten Wind ... 8 Knoten. Damit bekommste eine dicke Bavaria auf Am-Wind-Kurs durch gut gewelltes Wasser nicht vernünftig bewegt. Wir versuchten alle Tricks des Segeltrimms, aber ohne rechten Erfolg, Ari wurde zu langsam, um mit den halbmeter hohen Wellen klarzukommen.
Schluss-aus-Segel runter - Motor an. So tuckerten wir dann die restlichen 21 sm wiedermal durch (Gegen-)Wind und Welle bis in den Hafen.

Auch heute wieder großes Wolkenschauspiel kurz vor dem Zielhafen
Nach knapp sieben Stunden und 42 statt der eigentlich nur 30 Seemeilen legten wir an.

Hier liegen wir nun und lauern auf den passenden Wind, der uns gen Heimat lässt. Alles außer süd- bzw. südwestliche Richtungen wird gerne genommen. Laut Vorhersage dürfen wir das Wochenende hier noch verbringen, zwischen Montag und Mittwoch sollten wir bei westlichen Winden aber wegkommen. Wenn es nach mir geht, erledigen wir die restlichen 100 sm in einem Ritt - wenn das Wetter uns lässt. Im Heimathafen anlegen kann man auch im Dunkeln. Also ... Harry kann das ☺

Bis dahin holen wir hier ein bisschen meinen Geburtstag nach, leisten es uns, Essen zu gehen, holen noch Verpflegung für die letzten Tage auf dem Boot und ... naja, machen einfach noch ein wenig Urlaub.


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