4. Oktober
Nun ist es soweit. Alle Vorbereitungen sind getroffen. Ich bin startbereit, aber es ist erst Mittag. Heute soll es nach rund 3 Monaten Ostseetörn auf die letzte Etappe Richtung Heimathafen gehen. Doch ich muss noch etwas warten. Seit Tagen suche ich mir passende Wetterfenster zwischen Starkwind und Flaute, so auch heute. Erst um 16:oo soll der Wind soweit gedreht und aufgefrischt haben, dass er mich mit Raumschotkurs (achterlichem Wind) 'gen Rügen schiebt. Im Augenblick jedoch, holt der Wind erst mal Atem. Später darf ich dann um die 18 kn (5 Bft) bis 28 kn (7 Bft) in den Böen erwarten. Die See ist mit einer signifikanten Wellenhöhe von 1,2 m vorhergesagt. Das ist noch absolut im Wohlfühlbereich. Nur der für die gesamte Nacht und Strecke vorhergesagte Regen ist es weniger. Abwarten, eine Vorhersage ist ja auch nicht mehr als eine Hochrechnung von Wahrscheinlichkeiten des Eintritts verschiedener Wetterszenarien und gibt ausreichend Raum für Überraschungen.
Um 16:1o ist es dann soweit. Ich starte die Maschine, lockere die Festmacher testweise und stelle fest, dass mich der Wind bereits vom Pier wegdrückt. So kann ich vorab die schützenden Fender einholen und dann die 3 Festmacherleinen nacheinander lösen. Soweit so gut, aber ich liege mit dem Heck zur Ausfahrt in einem relativ kleinen Hafenbecken. Yachten, wie die Ari, kann man unter Idealbdingungen auch fast auf der Stelle wenden. Segelschulmäßig "Auf dem Teller" durch mehrfaches Vorwärts und Rückwärts der Maschine oder durch einen beherzten Gasstoß bei voll gelegtem Ruder. Ich entscheide mich für letzteres, doch dass erweist sich als Fehler. Als sich nach fast vollendeter 180°-Wende der Bug durch den Wind schieben soll, erfässt mich eine der ersten stärkeren Böen des Tages. Folglich wird der Durchmesser meines Wendekreises größer und ich befinde mich plötzlich unangenehm nah an einem der festgemachten Motorboote. rückwärts ist kaum Raum, weil dort das Hefenbecken endet und so treibt mich der Wind längsseits gegen das Motorboot. Glücklicher Weise hat dieses nicht nur zwei Fender draußen, sondern auch noch eine längsseits über die gesamte Länge verlaufend Gummilippe. Dort drückt sich Ari gegen. Als die Böe vorüber ist nutze ich die Chance, mich aus der Situation unter leichten Gasstößen und einigem Quitschen des Gummis zu befreien. Das hätte auch einen bleibenden Schaden an einem der Boote hinterlassen können. Glück gehabt!
Als ich den Hafen Nexö verlasse, hat sich schon etwas Welle aufgebaut. Bis zum Setzen der Segel muss ich noch einige hundert Meter gegenan. Das schaukelt und spritzt ordentlich. Wenig später ist das Großsegel voll gesetzt und ich notieren im Logbuch: "16:28 - Motor aus" und natürlich den Rest aller erforderlichen Daten. Noch bin ich nur mit unter 5 Knoten unterwegs, doch aufgrund der angesagten Böen, möchte ich nicht mehr Segel setzen. Außerdem möchte ich auch nicht zu früh ankommen, sprich, nicht zu schnell sein. Katrin möchte nämlich zum Einlaufen in Neuhof sein. Geplant habe ich für die anstehenden 100 Seemeilen eine Fahrzeit von 16 bis 17 Stunden. Ich wäre dann zwischen 8:oo und 9:oo morgens in Neuhof und Katrin will ja von Berlin aus anreisen.
Die Nachtfahrt verläuft recht unspektakulär obwohl die Windspitzen 32 Knoten erreichten, und die das ungereffte Groß problemlos wegsteckte.
Auf den großen Schifffahrtslinien zwischen Bornholm und Rügen ist heute Nacht nicht viel los und so treffe ich nur wenige dicke Pötte. Als ich dann gegen 6:oo morgens in den Greifswalder Bodden (südöstlich Rügens) einlaufe, wird es langsam hell. Regen habe ich auf der Fahrt immer nur vorübergehend gehabt. Die überwiegende Zeit blieb ich trocken. Das geht natürlich nicht und so erwischt mich anderthalb Stunden vor der Ankunft auf Höhe Palmer Ort ein eisiger Schauer samt Starkwind. Das Thermometer zeigt noch 9°C Lufttemperatur, während ich das Gefühl habe, mir würden gleich die Hände am Steuerrad anfrieren. Doch eine Viertelstunde später ist alles vorbei und der Wind ist weg. Ich hole das Großsegel ein. Unter Motor geht es jetzt die letzten 6 Seemeilen bis in den Heimathafen.
Bei der Anfahrt sehe ich schon jemanden am Schwimmsteg stehen. "Das kann nur Katrin sein" und so ist es dann auch. Um 8:40 liege ich fest in unserer Box und schalte den Motor aus.
99,2 Seemeilen in 16,5 Stunden ergibt eine Durchschnittsgeschwindigkeit von genau 6 Knoten. Nicht rekordverdächtigt, aber ich war ja auch nur unter Großsegel unterwegs. Dafür war es ein sehr entspannter und sicherer Törn.
Ein paar statistische Daten zur gesamten Reise reiche ich in den kommenden Tagen nach.
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