Donnerstag, 27. August 2015

26.08.2015 Wie ein Tanz auf Eiern

Wir wollen weiter - das bedeutet früh raus, spät rein und dazwischen möglichst viel Strecke.
So viel war für heute gar nicht man geplant. 65 sm, eine "Mittelstrecke" :-)

Früh um 5 Uhr holte uns der Wecker aus dem Schlaf. Eine Stunde später ging ich zum Hafenkontor, die Karte für Strom und Sanitär zurückgeben und das restliche Guthaben auszahlen lassen.
Schon seltsam, so ein großer Hafen und du triffst auf einen einzigen Menschen - den Reiniger der Sanitärgebäude. Alle Boote lagen still und verschlafen in ihren Boxen bzw. an den Stegen; nichts rührte sich. Doch, die Sonne - sie kam allmählich hinter dem Horizont hervor:





Mit einem Sahne-Ableger (wie aus dem Lehrbuch: Eindampfen in die Vorspring, Heck raus ins Hafenbecken und Vorspring über) tuckerten wir bei nur 3 Bft Wind aus dem Hafen.
Ein letzter Blick zurück auf die schöne Silhouette der Stadt


und auf nach Norden. Der Wetterbericht versprach bestes Segelwetter mit erst 3-5 Bft, die sich auf 5-6 Bft verstärken sollten. Na, da reicht wenig Tuch, um gut vorwärts zu kommen. Auf dem Sund war noch wenig Verkehr an dicken Pötten


was uns freute, da wir am Ende des Sunds ihr Fahrwasser kreuzen wollten - und das möglichst stressfrei.

Bereits kurz nach der Hafenausfahrt wurden die Segel gesetzt, Harry stand freudig am Steuer, wir machten mit 6-7 ktn bei 3 Bft ausreichend Fahrt - alles bestens.




Draußen, als wir den Sund hinter uns hatten, änderten sich die Verhältnisse wesentlich. 
Der Wind nahm schnell Fahrt auf und kam aus südlicher Richtung mit 3-5 Bft. Um nicht "platt vorm Laken" (Wind direkt von hinten) rumzueiern, änderten wir unseren Kurs. Das war jetzt gut zu segeln, aber dafür wanderte nun die immer höher werdende Welle diagonal unter uns durch - aus beiden Richtungen. Hier waren eine alte und eine neue Welle unterwegs - einmal aus Südost, einmal aus Südwest. Gerade wenn die üblichen hohen Dreiergruppen aus beiden Richtungen gleichzeitig eintrafen, gab das einen heftigen Eiertanz für Ari. Und für uns. 



Als sich der Wind zu lange bei 3 Bft einpendelte, versuchten wir, mit dem Blistersegel etwas mehr Fahrt zu bekommen. Was für ein Desaster :-)
Beim ersten Versuch waren die Leinen verdreht und somit konnte sich das Segel im unteren Bereich gar nicht entfalten. Also das widerspenstige Gewurschtel wieder runtergezerrt, schimpfend auf dem Vordeck entwirrt und nach kurzer Verschnaufpause wieder gesetzt. Jetzt stimmten die Leinen, aber das Segel hatte sich elendig um sich selbst verdreht. Nun hatte ich oben eine schöne Segelblase, in der Mitte ein hässliches Segelknäuel und unten wieder eine Segelblase, die sich mehr und mehr ins Wasser zog. Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, dieses Untier noch gebändigt zu bekommen. Du hängst am zusammengerafften Unterliek, damit das Segel wenigstens dort keinen Wind mehr fassen kann und hoffst, dass dir die nächste Böe nicht wieder das ganze Tuch aus den Armen reißt, weil ja im oberen Teil noch der Wind reinschießt. Irgendwann - mit Hilfe von Harry, der den Autopiloten steuern ließ - hatten wir auch den diesen Verscuh wieder erfolgreich (und klitschnass) an Deck und durch das Luk vorn dann unter Deck. Schmollend und grummelnd saß ich im Cockpit und suchte nach den Fehlern im Ablauf. Die Hände taten vom Zerren am Tuch weh, die Knie schmerzten vom Rumrutschen an Deck, der Rücken schrie - ich bin zu alt für solchen Mist. Aber ich kann auch zicken - also noch ein Versuch. Das Teil musste wenigstens wieder trocken werden. Wieder am Fall hochgezogen war das Ungeheuer (so mein netter neuer Spitzname für das Segel) diesmal nur 3-4 mal in sich verdreht. Mit zerren am Achterliek und kleinen Schleuderimpulsen lies es sich jedoch entwirren und stellte sich tatsächlich und endlich auf. Leider stand es nicht so, das es auch Geschwindigkeit brachte. Also - nicht auf dem Kurs, den wir fahren wollten. Jedesmal, wenn wir eine Welle hinab fuhren, bekam es Wind von vorn und klappte wieder ein. Schluss, Aus, Feierabend, runter mit dem Ding. Es war ja jetzt trocken .... 
Erschossen von der Anstrengung saß ich im Cockpit und grummelte vor mich hin. Manno! Mist. Ka..! Sch...! Blöd!

Frühstück! Erstmal was essen.
Ja, wir haben frische Sprossen an Bord - irgendwo müssen ja Vitamine unterwegs herkommen.

Danach wurde ich unter Deck gescheucht - zu Kräften kommen. Also legte ich mich in die Hungdskoje, wickelte ich mich in die Decke und war schlagartig eingeschlafen.
Nach einer Stunde wechselte ich Harry am Steuer ab. Da Wind und Welle zunahmen (wir hatten jetzt 5-6 Bft und gut 1,5 m Welle), holten wir das Großsegel ein und nahmen nur noch das Vorsegel. Das Rumeiern auf den Wellen machte uns mürbe. Da half nur Schlafen, sobald man nicht mehr Steuer stand.
Ein späterer Kurswechsel durch Wende brachte uns dann raus aus der Schaukelei und wieder einen schnellen stabilen Kurs. 







Aber auch diese Fahrt endete gut und glücklich im Hafen. Nur sehr spät. Nach 12:21h und 68 sm (nach GSP, also über Grund; durchs Wasser waren es 74,8 sm) kamen wir im Hafen von Träslövsläge an. Zum Glück war dieser schön leer. Auf großartige Hafenmanöver hatten wir jetzt wirklich keine Lust mehr. So konnten wir an einem langen Holzpier einfach längsseits ran und gut.

Und ein neuer Rekord: Anlegen um 18:46 Uhr, Einschlafen in der Koje gegen 20 Uhr. 
In diesen 80 min haben wir das Boot ordentlich vertäut, abgespült, den Liegeplatz am Automaten bezahlt, Spaghetti gekocht und mit Butter, Basilikum, Tomaten und viel Parmesan gegessen (nein, hungrig verschlungen), abgeräumt und sind todmüde ins Bett gefallen. 

Zum Glück ist das Wetter für morgen derart grottig, dass wir ohne schlechtes Gewissen im Hafen bleiben können. Starkwind und Starkregen brauchen wir jetzt wirklich nicht.

4 Kommentare:

  1. Ich staune immer wieder darüber, wie lang ihr das durchhaltet.
    12 Stunden!
    Das ist doch purer Wahnsinn.

    Aber eure Eindrücke sind immer wieder Gold wert :)

    Nehmt mich miiiiiiiit!

    AntwortenLöschen
  2. Komm morgen/übermorgen nach Göteborg. Dann kehren wir dort ein und holen dich ab. Dann hast du noch 2 Wochen Spaß mit uns :-))

    AntwortenLöschen
  3. Na, keine Lust auf Varberg / Getreten gehabt ?? :)) Kann ich verstehen ;))
    Übrigens für Denise - von Flughafen Göteborg fährt Bahn (30min, direkte Verbindung) nach Göteborg Lilla Bommen. Und Lilla Bommen ist ein Hafen - ist doch ein tolles Wochenende Ausflug! Und bei aktuellen Geschwindigkeiten von den beiden ist Träsloe - Göteborg eine perfekte Tagesstrecke :))

    Viel Spass noch!! Kann man euch auf AIS sehen? Finde vieles mit Ari , aber keine richtige ... :(

    AntwortenLöschen
  4. *hust* das aktive AIS liegt noch im Karton. Bisher fehlte (aufgrund der Wetterlage) der Nerv, es einzubauen und zu konfigurieren. Sobald wir einen echten Flautentag haben, wird es eingebaut - versprochen. Blick aufs Wetter .... kann dauern :)))

    AntwortenLöschen