Dienstag, 8. August 2023

08. August 2023, (Abwettern in) Kalmar

 Dienstag, 08. August


Über die Stadt Kalmar werde ich dieses Mal keinen Post schreiben, denn es gibt in diesem Blog bereits mehrere aus den vergangenen Jahren und zuletzt von der Hinreise dieses Törns mit Datum von 17. Mai.

Heute geht es Mal um ein ganz anderes Thema - Die Bootstechnik und den Pfusch der Bootshersteller. Speziell soll es heute aber nur um das Thema Klüsen gehen. 

Was ist eine Klüse? Dazu schreibt Wikipedia: "Eine Klüse ist eine verstärkte Öffnung in der Bordwand, dem Schanzkleid oder dem Deck eines Bootes oder Schiffes zur Durchführung von Ketten, Leinen oder Trossen."

Auf unserer Ari gibt es sechs von ihnen. Durch die Klüsen werden unsere Festmacherleinen nicht nur durchgeführt, wie oben beschrieben. Eine Klüse ist auch gleichzeitig immer ein Umlenkpunkt für die Kräfte, die auftreten, wenn ein Boot oder Schiff mit einer Leine oder Trosse an Land, zum Beispiel einem Kai oder Schwimmsteg, festgemacht wird.

Wie im Post vom 6. August beschrieben, können beim Festmachen eines Bootes große Kräfte auftreten, insbesondere wenn Starkwind oder Sturm bzw. Wellengang in einem Hafen herrschen. Diese Kräfte entstehen durch das sich im Sturm oder Wellengang bewegende Boot oder Schiff.

In unserem Fall sind die Festmacher zunächst an Bord auf einer sogenannten Klampe belegt (festgemacht), wie auf nachfolgendem Foto zu sehen ...


Über die Festmacherleine wird die Kraft des sich bei Wind und Welle bewegenden Bootes zunächst an die Klüse übertragen, durch die sie an Land geführt wird.

Eine Klüse

Von der Klüse aus, wird nun die Festmacherleine an Land zum Beispiel auf einem Poller oder auch Befestigungsringen belegt. Man benötigt für ein Boot, je nachdem auf welche Art und Weise man anlegt, mindestens zwei solcher Festmacherleinen, oft auch drei oder vier, damit ein Boot oder Schiff sicher bei Wind und Welle im Hafen liegen kann.

Eine dieser Klüsen ist nun bei uns über Wochen Stück für Stück fast aus dem Deck gerissen, weil die wind- und wetterbedingten Belastungen an solchen Bauteilen (Beschlägen), schon sehr hoch sein können. Ari wiegt voll beladen an die 10 Tonnen. Man kann sich vorstellen, dass so eine Segelyacht, wenn sie durch Wind und Welle in einem Hafen in Bewegung versetzt wird, schnell Mal einige hundert Kilogramm, möglicher Weise auch über eine Tonne an Belastung über die Festmacher an Klampen, Klüsen und die Befestigungen am Kai weiterleiteten kann. Ich bin weder Bootsbaumeister noch Schiffsarchitekt und habe daher keine konkreten Berechnungsmöglichkeiten, was solche Belastungen betrifft.

Was ich jedoch zweifelsfrei beurteilen kann ist die Tatsache, dass die vom Hersteller Bavaria verbauten Schrauben oder sollte ich besser sagen "Schräubchen", keine Chance hatten, solche Belastungen an der Klüse dauerhaft zu überstehen. 


Offensichtlich ist man bei Bavaria der Auffassung, dass drei der oben gezeigten Schrauben mit einem Durchmesser von 6 mm genügen, um einer Klüse an Deck die nötige Festigkeit zu geben, hunderten von Kilogramm Belastung zu widerstehen.

Ich kann die Antwort vorwegnehmen. Nein, diese Schrauben widerstehen der Belastung nicht. Die linke Schraube sitzt in der Mitte der Klüse und ist durch die Querbelastung abgescheert. Die Rechte hat es aus dem Deck gerissen. Dazu gehört auch nicht viel Kraft, denn die Schraube ist nur 25 mm lang und das Deck an dieser Stelle keine 15 mm dick. Die dritte Schraube steckte noch lose im Deck. Vermutlich wäre selbst einem Heimwerker klar gewesen, dass diese Konstruktion, was das Kräfteverhältnis zwischen den drei Schrauben und einem Festmacher unter hoher Last betrifft, nennen wir es: optimistisch geplant erscheint?

Ich habe dann heute mit Bordmitteln eine Art Notreparatur durchgeführt, die ich im Folgenden kurz beschreiben möchte.

Die Befestigungslöcher, die die Klüse auf dem Deck halten, habe ich zunächst auf 8 mm aufgebohrt ...


Mit einem 16 mm Bohrer wird dann jedes Schraubenloch oben angesenkt, damit später eine Senkkopfschraube bündig eingesetzt werden kann.

Einsetzen der M8-Senkkopfschrauben (also Schrauben mit metrischem Gewinde anstelle der bisher werkseitig verwendeten "Blechschrauben").


Diese Konstruktion hat den großen Vorteil, dass die M8-Schrauben durch das Deck gesteckt und von unten mit einer Mutter gesichert werden, während die Blechschrauben einfach nur ins dünne Deck geschraubt wurden, was dauerhaft gar nicht funktionieren kann!



Jetzt werden die Muttern von unten gegengesetzt. Ich verwende 30 mm lange "Langmuttern", da man diese in der ungünstigen Umgebung des Ankerkastens besser zu fassen bekommt, um sie festzuziehen.


Leider habe ich an Bord nur jeweils zwei dieser Schrauben und Langmuttern, so dass ich zu Hause noch einmal nacharbeiten muss.


So sieht das Ganze dann von der Unterseite im Ankerkasten aus ...

Hier einmal der direkte Vergleich. Links die Bavaria-Originalschraube. Rechts eine M8-Gewindeschraube ...

So sieht das dann nach meinem Umbau auf der Steuerbordseite aus ...


Das hier ist übrigens die gleiche Klüse am Backbord-Bug. Gut zu erkennen ist, dass die mittlere Schraube ebenfalls bereits abgescheert oder gebrochen ist und damit keine Last mehr trägt.



Ein Blick von der Außenseite auf die Klüse am Backbord-Bug zeigt, dass sich die eigentlich bündige Konstruktion durch die beim Festmachen wirkenden Kräfte, bereits um mehrere Millimeter nach außen gezogen wurde. Ein Fall für das Winterlager, sofern die Originalkonstruktion überhaupt noch bis dahin durchhält. Hier in Kalmar habe ich selbst im Bootsbedarf keine passenden Schrauben bekommen, um das gleich fachmännisch selbst instandsetzen zu können.

Aber es ist ja nicht nur Bavaria, die im Bootsbau wider besseren Wissens konstruieren. Hauptsache das Boot übersteht die Garantiezeit. Hanse, Dehler und wie sie alle heißen, machen es auch nicht besser.


Da muss zum Abschluss noch etwas Positives her. Ich schwärme doch immer so für den Blumenschmuck in schwedischen Häfen. In Kalmar sieht es dieses Jahr direkt vor meinem Liegeplatz so aus ...


 

Bleibt mir gewogen und weiterhin neugierig.

Euer Harry



07. August 2023, Von Byxelkrok (Insel Øland) nach Kalmar

Montag, 07. August


Um 06:00 klingelt der Wecker. Ich komme mir vor, als würde ich gerade aus dem Koma aufwachen. Klare Gedanke fallen mir schwer - einfache Handgriffe ebenfalls. Ich schaue noch einmal in den aktualisierten Wetterbericht und hoffe insgeheim es gäbe einen guten Grund nicht losfahren zu müssen. Den gibt es aber nicht und außerdem weiß ich ja, dass ich bei dem anstehenden, schweren Sturm am Dienstag auf keinen Fall mehr in diesem Hafen (Byxelkrok) liegen sollte. Widerwillig bereite ich mich auf die Abfahrt vor und bin vor Müdigkeit, wie von Sinnen. Vergesse dies, vergesse jenes, obwohl ich mir wieder eine kleine Checkliste vorbereitet habe, die ich dann aber aus Unkonzentriertheit nicht ordentlich abarbeite. So muss ich dann noch etliche Handgriffe erledigen, als ich bereits die Segel setzen möchte. Zum Glück geht nichts weiter schief. 

 

Kurz nach dem Ablegen in Byxelkrok

Klarschiff machen, während der Autopilot hinaus steuert.

Ich fahre dicht an der Küste entlang. Meistens beträgt der Abstand nur ein bis drei Kilometer. Ich bin verblüfft, wie gut die Segelvoraussetzungen heute sind. Selbst in der Landabdeckung habe ich nie weniger als 11-13 kn (4 Bft) "Grundwind". Die Böen schwanken dann, je nach Ort zunächst um 15 kn, später, weiter im Süden, zwischen 17-19 kn (5 Bft) und in einzelnen Spitzen 22 kn, während sich keine nennenswerte See aufbauen kann, da ich im Westen von Öland auf der Leeseite der Insel unterwegs bin. Perfekte Bedingungen, um heute richtig Strecke zu machen.

Bis ich so richtig in Stimmung komme dauert es dennoch, denn der Himmel zeigt sich grau in grau; fast den gesamten Tag.

Blauer Himmel ist dann eine Ausnahme für wenige Minuten ...

Auf Sichtweite bin ich das einzige Boot, das derzeit unterwegs ist. Schon kommt die Frage auf: Wissen die anderen Segler etwas, das ich nicht weiß?   

Auf dem Plotter sind die einzigen AIS-Kontake im 10 sm Umkreis: 1 Containerschiff, 1 Fähre und ein Schlepper, der gerade in 3 sm Entfernung in nördlicher Richtung an mir vorbeifährt. Er ist als manövrierbehindert gekennzeichnet. Ich greife zur Kamera und zoome an den Schlepper ran. Ah, es ist ein "Gespann", denn über eine mehrere 100 m lange Trosse schleppt er eine Schwimmplattform hinter sich her. Die Plattform besitzt vier "Füße", die gerade senkrecht hochgefahren sind; in der Mitte steht ein Bagger. Solche Schwimmplattformen werden dazu benutzt, um versandete Fahrwege wieder freizubaggern. Dafür werden die "vier Beine" der Plattform bis auf den Grund abgelassen und verpresst. Danach schwimmt die Plattform nicht mehr, sondern steht im Wasser, wodurch sie auch nicht abtreiben kann. Dann holt der Bagger mit seinem Greifarm den Aushub nach oben.


Gegen halbneun komme ich dann an der Blå Jungfrun, der Blauen Jungfrau , vorbei, einer Insel, die mitten im nördlichen Kalmarsund zwischen dem Festland und der Insel Öland liegt.


 Noch ist es relativ ruhig. Eine gute Gelegenheit für ein kleines Frühstück ...



Die Segel verlangen heute besondere Aufmerksamkeit, denn laut Wetterbericht soll es Böen bis zu 27 kn (gerade noch 6 Bft) geben. Also passe ich diverse Male die Segelfläche an die jeweiligen Bedingungen an und trimme ständig nach, was ich sonst eher lockerer nehme.

 

 Nach gut vier Stunden und 30 sm komme ich gegen Mittag auf Höhe des Ortes Borgholm an der gleichnamigen Schlossruine Borgholm vorbei ...

 

 


Und wieder ein Segeltrimm ...

 Da ich AmWind, also mit Wind von schräg vorne, unterwegs bin, trage ich gerne meine Skibrille, die das Tränen der Augen verhindert, wodurch ich die Instrumente am Steuerstand und die Seekarten deutlich besser ablesen kann.


 


 Die Windstärke nimmt nach Süden hin immer weiter zu und Ari macht (ohne Nebeneffekte wie Strömung oder das Surfen in Wellen) sehr gute achteinhalb Knoten (knapp 16 km/h) Fahrt. Diese Geschwindigkeit mag für den einen oder anderen Leser lächerlich klingen, aber selbst die "Formel 1 unter den Sportsegelbooten" schafft gerade mal die rund vierfache Geschwindigkeit, und dafür werden dort viele Millionen in so einen Racer investiert. Ich bin also mehr als zufrieden.


 Auch könnte die Frage aufkommen, ob es nicht langweilig sei, Dauerhaft mit maximal 16 km/h Geschwindigkeit voran zu kommen.   NEIN, ist es nicht!   Ich mache dann gerne folgenden Vergleich.  Das Geschwindigkeitsempfinden ist halt subjektiv.  Alle, die schon einmal mit einem Geländewagen in wirklich schwerem Gelände unterwegs waren, werden wissen wovon ich rede. Dort ist man oft nicht einmal mit Schrittgeschwindigkeit unterwegs, wenn das Fahrzeug in der entsprechenden Getriebeuntersetzung und 35% Neigungswinkel über medizinballgroßes Geröll fährt. Bei vielleicht 2 km/h Geschwindigkeit kommt dort eher die Frage auf, ob man nicht langsamer fahren sollte. Dennoch wird hinterher niemand sagen, es sei auch nur eine Sekunden langweilig gewesen in diesem Fahrzeug zu sitzen. Erst recht nicht, wenn man selbst am Steuer saß.   Beim Segeln ist das ähnlich und bei viel Wind und Welle der letzte Gedanke der, ob es auch noch schneller ginge.

 

Dann kommt mir auf den letzten 6 sm tatsächlich ein Segler entgegen, der mit entspanntem achterlichen Wind, Richtung Norden, den Kalmarsund hochsegelt.

 


Um Viertel vor zwei bin ich dann schon an der Kalmarsundbrücke, die eigentlich Ølandsbron (Ölandbrücke) heißt. Die Segel habe ich bereits eingeholt, denn eine gute Seemeile später ist ja auch schon der Abzweig in den Hafen von Kalmar und unter solchen Bauwerken gibt es oft starke Luftverwirbelungen, weswegen ich eine Unterquerung unter Segeln nur bedingt gut finde.


 Ein Foto, ohne das es nicht geht, wenn man in den Hafen von Kalmar einfährt ...

Die sechs KALMAR-Lettern vor dem Gebäude des Landesmuseums
 

Wie zu erwarten war, ist der Hafen von Kamar annähernd ausgebucht. Einen regulären Liegeplatz gibt es für Ari nicht mehr, jedoch kommt mir gerade ein Harbour Pilot  in seinem RIB-Boot entgegen. Harbour Piloten sind vom Hafen angestellte, meist Jugendliche, die dafür bezahlt werden, neuankommenden Yachten einen geeigneten Liegeplatz zuzuweisen. Genau das tut er auch und so erhalte ich einen Liegeplatz, den ich mir mit einer anderen Yacht an der Mooringboje teile.

Dieser "Notliegeplatz" ist eng und bei den Böen nicht leicht anzufahren. Ich bitte den Piloten, meinen Mooringhaken für mich in die Mooringboje einzuhaken, damit ich mich auf die Ansteuerung konzentrieren kann. Das tut er auch und so wird das Ganze dann fast zum Kinderspiel ...

Anfahrt in die Lücke

Ich habe Glück. Ein Passant, der hier anscheinend selbst sein Boot zu liegen hat, stellt sofort seine Einkaufsbeutel am Boden ab, um Ari am Bug zu halten, während mein freundlicher niederländischer Bootsnachbar, rechts, ebenfalls alles stehen und liegen lässt, um zu helfen.

 Das Foto oben suggeriert allerdings deutlich mehr Eile und Aufregung, als es tatsächlich gab. Es ist halt nur der Ausschnitt aus einer Gesamthandlung, oder wie Marcel Reich-Ranicki ("Literaturpabst") es einmal ausdrückte: Die wahre Bedeutung des Wortes Pornografie.

 

Ich zumindest bin absolut zufrieden und glücklich, dass hier alles so gut geklappt hat und deswegen gibt es auch zwei Daumen hoch ...

 
Auch vom Seglerischen her, gibt es nichts zu beanstanden. Und das ist mein heutiger Liegeplatz ...

 ... der von der nahegelegenen Straße her, so aussieht ...


 Zur Rechten dann das Harbour Office und die zum Hafen gehörigen Servicegebäude mit Sauna, Duschen, etc.

 

 Nach dem Bezahlen der Hafengebühr, mache ich mich noch kurz auf in die Stadt, um bei Hemköp (schwedische Supermarktkette) nach Kardamomknuts zu schauen. Was soll ich sagen ... es gibt sie wieder ...


 Kardamom ist ja auch Bestandteil des typschen Weihnachtsgebäcks in Deutschland. Wenn wir die Bäckermeisterin in Helsinki richtig verstanden haben, sind Kardamom-Knuts/-Bullar oder wie immer auch sie an den einzelnen Orten Skandinaviens genannt werden, Saisonartikel für die zweite Jahreshälfte und kommen wohl erst ab August in die Auslagen der Geschäfte.

Zum Abendbrot gibt es dann bei mir Entrecote an geschmorten Worchester-Zwiebeln mit grünem Pfeffer und Criss Cross Pommes.

Das Entrecote, das ich in Byxelkrok gekauft hatte, war absolut zart und lecker (Steakhaus-Qualität!). Eines habe ich ja noch in der Kühlbox ... 😊

 

Wie immer, gibt es an dieser Stelle nur noch den Track des letzten Törns, also hier von Byxelkrok nach Kalmar.


 Die tatsächliche Fahrzeit lag bei unter 6:45 Stunden für die 47,6 Seemeilen durchs Wasser (46,5 sm nach GPS). Das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 7,1 kn. Nicht schlecht für einen Cruiser.


Ich bin ja bereits einen Tag weiter, denn während ich das schreibe ist ja schon Dienstag, der 8. August. Es ist gegen 13:00 Uhr, während selbst hier im Hafen Sturmböen durchziehen, denn für Kalmar sind Böen bis 70 km/h, also Windstärke 8 bzw. 8 Bft, angesagt. Das fühlt sich hier allerdings deutlich angenehmer als in Byxelkrok an, da es hier im Hafen keine spürbare Wellenbewegung gibt.

Wann es weiter geht weiß ich noch nicht. Ich behalte das Wettergeschehen im Auge und überrasche mich dann mal wieder selbst. Bleibt gespannt - ich bin es auch.

Euer Harry

 

 

 

Montag, 7. August 2023

06. August 2023, Byxelkrok

Sonntag, 06. August


Schreibt man über so einen Tag überhaupt einen Post? Ich bin immer noch in Byxelkrok und wettere ab (Link: ABWETTERN). Gestern hatte ich mich noch mit einem älteren Segler-Ehepaar unterhalten. Sie erklärte mir, sie wolle mit ihrem Mann die Chance nutzen, um mit dem Nordwind am heutigen Sonntag in den südlichen Kalmarsund zu gelangen. 

Klingt erst einmal gut und als ich wieder an Bord der Ari bin, schnappe ich mir das Tablet und plane die mögliche Route. Infragekommende Häfen wären da Kristianopel am Festland, bzw. Grönhögen auf Öland. Distanz bis Grönhögen: rund 71 sm, etwas über 130 km. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6 Knoten (= 6 sm/h) wäre das ein Törn über rund 12 Stunden. Soweit okay.

Dann wäre da noch das Wetter. Sie sagt ganz locker zu mir: "Ja, wir haben dann 6 Bft!"   Als Rückenwind in der Tat nicht so tragisch, aber hinzukommen ja noch die Böen, die gegen 17:00 Uhr (siehe Wetterkarte unten - roter Pfeil) 35 kn, also 8 Bft ausmachen. Es sind also Sturmböen. Im Kalmarsund ist auch keine allzu hohe See zu erwarten, da sich durch die Trichterform des Sundes und die dicht angrenzenden Landmassen keine große Welle aufbauen kann. ABER: Irgendwann muss man ja auch wieder anlegen. Egal ob in Kristianopel oder Grönhögen ist das bei diesem Wind/Sturm mindestens eine echte Herausforderung, insbesondere, wenn man alleine segelt. Nein, denke ich so bei mir, das lasse ich mal schön bleiben.

Den Messpunkt für die Wetterangaben gemäß nachfolgender Grafik, hatte ich hier auf halbem Wege zwischen Byxelkrok und Kalmar gesetzt (siehe weißes Kreuz mit rotem Punkt in der Mitte) ...


Also beschäftige ich mich heute, Sonntag erneut mit einer möglichen Törnplanung für Montag, den 07. August. Und weil man nicht den ganzen Tag im Boot sitzen kann entscheide ich mich, trotz des Regens einfach einen Spaziergang durch Byxelkrok zu machen. 

I`m walking in the rain!

So sieht es momentan aus, wenn man aus dem Boot, den Niedergang hoch kommt ...

Kein starker Regen. Mehr ein gleichmäßiges nieseln, böiger Wind, aber es ist wenigstens nicht kalt.

Zu Beginn schaue ich mir noch einmal vorsichtshalber alle Festmacher an, denn heute Nacht gibt es den oben erwähnten Starkwind bzw. Sturm aus Nord.

Hier am Bug (Foto unten), gehen von beiden Bootsseiten Festmacherleinen auf den Poller am Kai. Nicht weil eine Festmacherleine alleine nicht halten würde, aber so verteilt sich die Last besser. Das gleiche, ganz unten, noch einmal am Heck.


An Backbord (der linken Bootsseite in Fahtrichtung) habe ich zwei sogenannte "Springs" gelegt. Jede Spring ist bei mir mit einem Gummidämpfer versehen (siehe roter Kreis), um die Spitzenbelastungen in den Böen abzufedern. Der gerade erst erneuerte Gummidämpfer an der Vorderspring war übrigens nach der Nacht durch die Belastungen zerrissen. Allerdings war wohl nicht der Wind direkt das Problem, sondern die Wellenbewegung innerhalb des Hafens.


Die Achterspring, ebenfals mit Gummidämpfer (Foto unten) ...

Und die beiden Festmacher am Heck ...

Das Boot wird jedoch nicht wirklich am Kai festgemacht, denn es benötigt in den Böen und Wellen seine "Bewegungsfreiheit". Es muss also am Liegeplatz etwas schwoien können. Die Kunst besteht darin, die Festmacherleinen so zu platzieren und genau so fest bzw. lose zu machen, dass das Boot, bevor es eine Leine maximal belastet (streckt), bereits von einer anderen "umgelenkt" wird und die Kräfte somit umgeleitet und verteilt werden. Das ist jedoch nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Irgendwann, wenn der Wind stark genug oder die Wellenbewegung heftig genug ist, ist auch die Dehnungsfähigkeit der Gummipuffer bzw. der Festmacherleinen selbst, ausgeschöpft und dann gehen die Bewegungskräfte knallhart durch auf den Bootsrumpf bzw. die Beschläge, die dort die Kräfte aufnehmen sollen, über. Und da knackt im schlimmsten Fall schon Mal ein Beschlag aus Überlastungsgründen weg, wie bei uns bereits am Bug geschehen. Ari wiegt voll beladen knapp 10 Tonnen. Wenn die erst einmal durch Wind und Welle in unkontrollierte Bewegung geraten, werden ungeahnte Kräfte freigesetzt.

Noch ist ja nichts passiert und ich mache mich auf den Weg - frei nach dem von mir so geliebten Motto: "Mal sehen, was sich so entdecken lässt!"


Mit dabei, eine unserer GoPro`s, denn die sind wasserdicht (wenigstens bei Regen).

Am Strand neben dem Hafenbereich bläst der Wind schon ganz ordentlich und die Wellen rollen bereits gegen die Befestigungen der Hafenanlage.











Irgendwann wird es dann doch zu ungemütlich und ich trete den Rückweg an, um nicht nur mich im warmen Boot wieder aufzuwärmen, sondern auch die Kleidung zu trocknen ...

 

Am frühen Abend kommen dann die ersten Starkwindböen in den Hafen, gefolgt von Starkregen (Foto unten) und einem Gewitter zum Abschluss.
 

 

Nach meiner abendlichen und abschließenden Törnplanung, soll es nun am Montag Morgen weiter gehen. Ich stelle meinen Wecker auf 06:00 Uhr, denn ich sollte aus verschiedenen Gründen nicht nach 16:00 Uhr in meinem Zielhafen Kalmar ankommen. Die geplante Fahrzeit beträgt 08:00 Stunden, also muss ich spätestens um 08:00 den Hafen Byxelkrok verlassen haben.

Doch es wird eine schlaflose Nacht, obwohl ich todmüde bin. Der Starkwind treibt die Wellen so ungünstig durch die ungeschützte Hafeneinfahrt, dass sich Ari alle paar Minuten so aufschaukelt, bis die Festmacherleinen an ihre Elastizitätsgrenze kommen und die restliche Bewegungsenergie knallhart an das Boot weitergegeben wird. Es kracht an allen Ecken und Ende des Bootes und jedes Mal werde ich von diesem Geräusch wach, wenn wieder ein Festmacher durchschlägt. Abgesehen vom Wachwerden bereitet es mir auch persönliche Schmerzen, wenn ich an die gewaltigen Kräfte denken muss, die hier freigesetzt werden und wie dabei das Material leidet. Das eine oder andere Mal stehe ich auf. Tatsächlich wirft es mich hier und da um, wenn ich mich mal nicht festhalte, da die Bootsbewegungen an irgendeinem Punkt ruckartig von den Festmachern aufgestoppt werden und das Material anfängt zu krachen.

Um 06:00 klingelt dann der Wecker - aber das ist ja schon die Einleitung zum morgigen Post.

Bleibt weiterhin gespannt - ich bin es auch ...


Euer Harry